MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Facebook Twitter

Paartherapie

Text Johannes Reichl Ausgabe 09/2016

Freunde, so scheints, werden NÖKU-Boss Paul Gessl und die St. Pöltner Kulturszene auch nicht mehr. Hat man dem NÖKU-Boss zuletzt die Absiedlung der Kunstsektion des Landesmuseums nach Krems angekreidet (wobei er der falsche Adressat ist), machen ihm manche noch immer das institutionelle Ende der Operette in der Hauptstadt anno dazumal zum Vorwurf, so brachte er mit seinen Ausführungen im letzten MFG zur etwaigen Bewerbung St. Pöltens als Europäische Kulturhauptstadt abermals bei so manchem das Blut in Wallungen:

Der Terminus ‚EU-Kulturhauptstadt impliziert, dass eine Stadt auch wirklich Kulturstadt sein möchte. Diesen Willen orte ich in der Landeshauptstadt aber – wenn ich mir das kulturpolitische Engagement anschaue – nicht wirklich. Anspruch und Realität klaffen da auseinander, es fehlt an Visionen. […] In St. Pölten, wo es an sich schon so viel gibt und so viel Vorarbeit geleistet wurde, gibt es kein wirkliches Kommitment zu den Institutionen. Stattdessen gefällt man sich in einer Art Märtyrerrolle, redet von ‚denen da drüben‘, vom ‚starken Land‘ und der angeblich ‚schwachen Stadt‘. […] Diese Kleinkariertheit, dieses hemmende Sicherheitsdenken muss endlich überwunden werden. Nur dann, auf Basis einer fundierten Ist-Analyse und einer Vision, wo man überhaupt hinmöchte, macht eine Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt Sinn. Ich bin gerne bereit, auf diesem Weg zu helfen, aber das muss man wollen.“
Was offensichtlich als Breitseite gegen das offizielle St. Pölten gedacht war – so möchte das Land dem Vernehmen nach eine (auch finanzielle) Beteiligung der Stadt am Landestheater – bekamen aber vor allem die St. Pöltner Bürger, insbesondere Kultu­r­aktivisten in die falsche Kehle. So reagierte der ehemalige Hauptstadtplaner Norbert Steiner mit einem offenen Brief, in dem er die positive Entwicklung St. Pöltens hervorstrich und Richtung Gessl monierte: „Irgendwie fühlt man sich bei solchen Kommentaren dreißig Jahre zurückversetzt, als es noch Mode vor allem bei den Kulturbeamten des Landes war, in diesem Jargon über die Provinzstadt St. Pölten zu lästern. […] Offen gesagt, ist der Kulturbezirk nicht mit oder durch die Kulturabteilung des Landes realisiert worden, sondern trotz anderer Ambitionen der Kulturbeamten entstanden. Und leider sehe ich die Tätigkeiten deiner Kulturbetriebsgesellschaft in dieser Tradition, auch ihr habt Probleme mit der Landeshauptstadt. Da wird mehr abgeschafft als kreiert – ich erinnere an die Auflösung der abc dance company, die Einstellung der Aktivitäten im Klangturm, die Abschaffung des schönen und eleganten Sommerballs im Festspielhaus und zuletzt die gewaltsame Übersiedlung der erst vor zwölf Jahren in St. Pölten feierlich eröffneten Landesgalerie nach Krems.
Auch sonst spürt man eine ausgeprägte Abwehrhaltung und Ausdünnungspolitik der Kulturbetriebsgesellschaft, aber auch seitens der NÖ Kulturverwaltung, wenn es um die verschiedensten Versuche geht, weitere kulturelle Aktivitäten und Akzente in der Landeshauptstadt zu setzen.“
In diesem Sinne argumentierte auch Peter Bylica, ehemals Kommunikationschef der Landeshauptstadtplanungsgesellschaft, der von „Gessls miesem Geburtstagsgeschenk für die Landeshauptstadt“ sprach und dem Kulturmanager vorwarf: „Deine Statements im MFG, werter Freund Gessl, sind ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich für St. Pöltner Kulturinitiativen im Interesse unseres Bundeslandes engagieren.“
Weniger markig, dafür mit einem Augenzwinkern kommentierte der St. Pöltner Autor, Journalist und Veranstalter Thomas Fröhlich den vermeintlichen Angriff. Unter dem Titel „Endlich“ ließ er wissen: „Da hat’s uns kleinkarierten und kommitment-abstinenten St. Pöltnerinnen und Pöltnern rechtzeitig zum 30-Jahr-Jubiläum wieder einmal jemand so richtig reingesagt: Kulturaktivitäten und -initiativen außerhalb landesfürstlicher Huld? Alles Lug und Trug! Seien wir ehrlich: Ohne die Kulturbetriebsgesellschaft säßen wir wahrscheinlich immer noch in unseren Höhlen und trachteten danach, mit stumpfem Werkzeug primitive Bilderreihen ins Gestein zu schlagen (Mammuts, Geschlechtsteile, RTL II-Logos).
Doch wir geloben Besserung. Und werden vielleicht auch endlich zu dem, was unsere neuen Vorbilder jetzt schon auszeichnet und wozu auch wir uns berufen fühlen: großkotzig statt kleinkariert.
In tiefster Dankbarkeit,Thomas Fröhlich“

Ist damit alles Porzellan zerschlagen? Das wäre dann doch ein bisschen übertrieben und dann wirklich kleinkariert, zumal die Wahrheit wie so oft wohl irgendwo in der Mitte liegt.
Selbstverständlich hat die Stadt dem Land in Sachen Kultur immens viel zu verdanken, umgekehrt wäre sie ohne das Land aber auch keine kulturelle Wüste, dazu ist die hier situierte Szene viel zu aktiv und innovativ. Wahr ist auch (wobei das kein Gegeneinanderaufrechnen ist, sondern beiden politischen Seiten schlecht zu Gesicht steht und von einer reaktionären Grundhaltung zeugt), dass nicht nur das Land die Kunst des Drüberfahrens versteht, wie etwa im Falle des nicht öffentlichen Diskurses in Sachen Kunstabzug, sondern ehemals auch die Stadt Pölten das Stadttheater im Zuge des Krankenhausdeals mit dem Land einfach mitverscherbelte – auch hier wurde man erst im Zuge einer Pressekonferenz vor vollendete Tatsachen gestellt. Damit ist die Stadt ebenfalls – weil sie es freilich finanziell nicht mehr schultern konnte und das Land dies in Folge ebenso nicht wollte – in der Wurzel mitbeteiligt am Ende des Stadttheater-Orchesters und somit der Operette in St. Pölten. Künstlerisch betrachtet hat die Fokussierung aufs Sprechtheater dem Haus im Übrigen beileibe nicht geschadet – es zählt heute zu den renommiertesten Bühnen der Republik.
Wobei die Finanzen natürlich immer eine Rolle spielen (wenn man angesichts eines 35 Millionen schweren Landesgalerie-Neubaus ohne Not bisweilen auch seine Zweifel hegen mag). Der „Frühlingsball“ etwa war mondän, keine Frage, aber auch schweineteuer und warf die Frage der (künstlerischen) Relation auf.
Der Klangturm wiederum hat seine bisherige durchwachsene Vita zu einem Gutteil schlicht seiner von Beginn an falschen  (und zwar auch im wörtlichen Sinne) Grundkonstruktion zu „verdanken“. Dass er zuletzt bei einem Kreuzworträtsel der NÖN dennoch als das offizielle Wahrzeichen St. Pöltens ausgegeben wurde, zeugt zumindest von einem gelungenen Marketing. Das St. Pöltner Wahrzeichen, meine Lieben, ist aber noch immer das Rathaus. ABER – und das ist ja im Ansatz positiv – der Klangturm sollte symbolisch das Wahrzeichen für das „neue“ St. Pölten sein. Was manche freilich fehlinterpretierten, war die Annahme, dass er quasi für eine eigene Reichshälfte steht. Mitnichten – beide Wahrzeichen repräsentieren ein und dieselbe Stadt, daher sollte man im gegenseitigen Umgang nach 30 Jahren bitteschön endlich ohne Untergriffe auskommen bzw. die Gemeinsamkeit begreifen.
Einer, der sich genau darum bemüht und als Brückenbauer verdient gemacht hat, ist der Präsident des Fördervereins Kulturbezirk Lothar Fiedler. In seinem Verein versammelt er als ordentliche Mitglieder zahlreiche Landeskultureinrichtungen, ebenso aber rund 600 außerordentliche, nämlich kulturinteressierte Bürger der Stadt und des Landes, denen es schnurzegal ist, welcher Urheber hinter der jeweiligen Institution steht – für sie sind das St. Pöltner Einrichtungen. Fiedler hat diesbezüglich einen weiteren bedeutenden und vertiefenden Schritt gesetzt. In den letzten Jahren holte er nämlich nicht nur die Innenstadt-Kulturinstitutionen Landestheater und Bühne im Hof mit an Bord des Vereins, sondern – was noch symbolträchtiger ist – mit dem Stadtmuseum erstmals auch eine reine Stadteinrichtung. Mittlerweile denkt er laut über einen neuen Namen für den Verein nach, der beiden Seiten – derselben Medaille wohlgemerkt – gleichermaßen gerecht wird (s.S.48).
Von der Sinnhaftigkeit einer Bewerbung zur Kulturhauptstadt ist Fiedler übrigens überzeugt. „Ich denke, das ist eine echte Chance für die Stadt und Niederösterreich – alleine das Antreten könnte schon viel in Bewegung setzen, von der medialen Präsenz ganz zu schweigen. Ich weiß auch gar nicht, ob der finanzielle Aufwand so überbordend sein müsste. Die Gelder für Krems sind ja im Grunde auf Schiene, und für St. Pölten müsste man halt u.a. eine Zulage für die versprochenen Aufwertungen im bildenden Bereich schaffen, also etwa für das NÖ DOK Zentrum im Stadtmuseum. In einem Verbindungskomitee sollten dann alle Akteure und Orte – z.B. auch Krems und andere, wenn man es regional aufzieht – dabei sein. Die Landesausstellungen waren ja auch schon des Öfteren disloziert und trotzdem ein guter Erfolg. Wenn Stadt und Land da also an einem Strang ziehen, kann das auch etwas Tolles werden! Gemeinsam ist man ja bekanntlich stärker.“
Letztgesagtem ist im Grunde genommen nichts mehr hinzuzufügen. Alle mögen also ihre smoking guns wieder getrost einstecken und sich entspannen.
Und wer weiß: Vielleicht ist ja gerade – so grotesk das auf den ersten Blick hin klingen mag – die Bewerbung zur Kulturhauptstadt die lang­ersehnte Chance, um die in manchen Kreisen nach wie vor bestehenden Ressentiments endgültig zu überwinden. Eine Art Paartherapie, im Zuge derer die aktive Zusammenarbeit am gemeinsamen Projekt die eigene jeweilige Kleinheit überwindet und in einem großen, selbstverständlichen WIR aufgeht. Wie heißts so schön in der Europahymne: „Alle Menschen werden Brüder“ (und natürlich Schwestern und Geschwister)! Dann werden wir das im kleinen St. Pölten doch bitteschön allemal schaffen!