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Landthaler an den Schalthebeln des europäischen Fußballs

Text Thomas Schöpf Ausgabe 06/2018

Der SKN St. Pölten spielt landesweit schon kaum mehr eine Rolle. Sein ehemaliger Vize-Obmann und Kassier Raphael Landthaler ist dafür mittlerweile nicht mehr „nur“ Finanzchef von Rapid, sondern sitzt im mächtigsten Klubfußball-Gremium der Welt, in der „European Club Association“.

MFG in der Kathedrale des österreichischen Vereinsfußballs: Zu Besuch beim St. Pöltner Finanzchef von Rapid, Raphael Landthaler (43), im Allianz Stadion vulgo Weststadion. Der „Direktor Finanzen und Organisationsentwicklung“ des Rekordmeisters erscheint persönlich beim Empfang mit minimaler Verspätung. Sein Vortermin ging in die Nachspielzeit. Landthaler serviert Kaffee, wie er scheinbar überhaupt alles am liebsten selbst in die Hand nimmt. Veranschlagt wurden 30 bis 40 Minuten. Doch, wie sollte es anders sein, das Gespräch erstreckt sich knapp über 90 Minuten.
Im Obergeschoss „Der Röhre“, wie der Büro-Trakt des Allianz Stadions genannt wird, befindet sich Landthalers Schaltzentrale mit Blickrichtung Westen auf die Trainingsplätze. Von Steffen Hofmann und Co. werden wir jedoch nicht abgelenkt. Der von den konfessionellen Rapid-Fans zum „Fußballgott“ erkorene Ehrenkapitän und seine irdischen Kollegen trainieren beim Happel Stadion. Die mondäne Glas-Eingangstür mit eingraviertem, metergroßen Rapid-Logo täuscht: Landthalers Büro ist schlicht eingerichtet, übersät mit grünen Akten-Ordnern und diversen Gesetzbüchern.
Kapitän Landthaler führt in seiner Mannschaft acht Mitspieler an, drei in der Abteilung Rechnungswesen und fünf ITler. Letztlich wandert über seinen Schreibtisch ein Budget von 30 bis 40 Millionen Euro, eine Bilanzsumme von 85 Millionen Euro beziehungsweise 40 Millionen Euro Umsatz. Insgesamt verfügt Rapid über 150 Mitarbeiter.

In einer WhatsApp-Gruppe mit Josep Maria Bartomeu

Seit ein paar Wochen sitzt Landthaler im mächtigsten Fußball-Gremium der Welt, der „European Club Association“ (ECA) - vormals „G14“ - derzeit unter der Führung von Juventus-Präsident Andrea Agnelli, mit Karlheinz Rummenigge als Ehrenpräsident. Bei der Generalversammlug in Rom setzte sich Landthaler gegen seine Mitbewerber von Besiktas und Shakthar Donetzk durch und schaffte es als einer von vier Vertretern der „Subdivision 2“ (dazu gehören die Länder, die im UEFA-Ranking die Plätze 7 bis 15 einnehmen) für zwei Jahre in das 19-köpfige Gremium.
„Es ist schon lässig, wenn du auf einmal in eine WhatsApp-Gruppe geholt wirst, in der der Barça-Präsident Bartomeu oder der PSG-Boss Al-Khelaifi sind“, strahlt Landthaler.  Er vertritt bei der ECA die Interessen von Rapid und möchte insbesondere dabei mithelfen, die Europa League attraktiver zu machen. „Zuletzt ging es fast nur um die Maximierung der TV-Gelder“, redet Landthaler nicht um den heißen Brei herum, „wir dürfen aber nicht die Attraktivität der Liga für die Fans und letztlich auch eigenen Sponsoren aus den Augen verlieren.“ Als bekennender Rapid-Fan ist er dennoch Realist genug, dass „die Champions-League-Teilnahme für uns die Ausnahme bleiben wird“ und „wir gegen Teams wie Barcelona nicht wirklich konkurrenzfähig sind“, aber „Heimspiele gegen Klubs wie Ajax oder Eintracht Frankfurt elektrisieren und da weißt du nicht schon vorher, wie es ausgehen wird.“

Auf Linie mit Edwin van der Sar
Edwin van der Sar – Champions-League-Sieger mit Ajax (1995, in Wien) und Manchester United (2008) – und nun CEO von Ajax ist ähnlicher Meinung. Mit dem Vize-Präsidenten der ECA steht Landthaler in regelmäßigem Kontakt, tauscht sich mit ihm auch über die Leistungen von Maxi Wöber aus, der ja von Rapid zum niederländischen Top-Klub gewechselt ist.  
Ab 2021 kann eine Reform implementiert werden. Bis dahin gilt der aktuelle Modus. Angedacht sind in der Europa League 16 Vierergruppen, und dass die Qualifikation nicht mehr ausschließlich über die Platzierung in der jeweiligen Landes-Meisterschaft erfolgt. Rapid könnte also durch einen besseren Koeffizienten dank vergangener Europacup-Erfolge mitunter gleich in die weitaus interessantere Gruppenphase rutschen.  Außerdem soll es keine Quereinsteiger aus der Champions League mehr geben. Derzeit übersiedeln ja von dort die Gruppendritten im Winter in die Europa League. „Die haben bis dahin schon 40 bis 50 Millionen erwirtschaftet und wir in der Europa League vielleicht 4,5 Millionen“, rechnet Landthaler vor, „wo ist da bitte die gemeinsame Identität?“

Weiterbildung bei den Yankees
Parallel zu den Meetings absolviert Landthaler über die ECA eine Management-Ausbildung zur Führung internationaler Klubs. Die nächste Tagung findet in New York statt, wo sich Landthaler und Co. die Marketing-Strategien des prominentesten Baseball-Vereins der Welt, der New York Yankees, genauer anschauen. Tags danach steht eine Besichtigung des hypermodernen Mercedes-Benz-Stadiums (Baukosten 1,6 Milliarden US-Dollar) an, in dem bis zu 83.000 Zuseher Fußball- und Football-Spiele verfolgen. Im Herbst ist eine Visite bei der chinesischen Super League geplant.
Eingebettet sind die Termine in die Sommer- und Länderspiel-Pausen der europäischen Meisterschaften. Wenig überraschend ist ein gemeinsames Ziel der Klubvertreter, dass die Landesverbände künftig mehr Geld für die Abstellung der Vereinsspieler zu Länderspielen abtreten müssen. „Wir zahlen schließlich die Gehälter, die Versicherung und die Betreuung“, so Landthaler, „und bekommen dann eine verhältnismäßig kleine Summe als Entschädigung.“ Da der europäische Fußballverband UEFA mit der ECA (beide haben ihren Sitz in Nyon) immer näher zusammenrückt, scheint auch hier bald eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung in Sicht. Hohe Priorität für Landthaler hat, „dass die Schere zwischen den ganz reichen Klubs und den etwas kleineren nicht noch weiter auseinander geht. Auch in der Hinsicht ziehen mittlerweile eh schon sehr viele an einem Strang.“