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Kulturhauptstadt-Galopp mit Siegfried Nasko

Text Johannes Reichl Ausgabe 06/2018

Man sieht ihm die gesundheitlichen Strapazen der letzten Jahre an, als Sigi Nasko, ehemals mächtiger und wortgewaltiger Kulturstadtrat St. Pöltens, mit Gehstock „bewaffnet“ und einigermaßen außer Atem ins Wellenstein kommt. Nachdem er sich aber gesetzt hat und wir unser Gespräch über die nahende Kulturhauptstadt beginnen, ist er sofort in seinem Element und Feuer und Flamme.

Nasko und Kulturhaupstadt ist dabei naheliegend, ja beinahe zwingend. Immerhin war er es, der die junge Landeshauptstadt, die er ein Vierteljahrhundert kulturell wie kein anderer Politiker mitprägte, bereits im Vorfeld der Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt  2003 ins Spiel brachte und dafür entweder – noch als positivste Reaktion – ungläubiges Kopfschütteln erntete, vor allem aber Häme bis hin zum Vorwurf des Größenwahns. Eine Europäische Kulturhauptstadt St. Pölten, das schien Anfang des neuen Jahrtausends noch nicht einmal Science Fiction, sondern grenzte an absurdes Theater. Nasko, nie um Visionen verlegen, tat es trotzdem, wenngleich er einräumt, dass heute wohl die Zeit reifer ist. Damals fehlte es an Mut, vor allem sprachen aber „die realpolitischen Konstellationen dagegen. Der damalige Bürgermeister Willi Gruber sagte sofort nein. Zum einen weil die damalige Koalition auf Bundesebene nicht gerade vielversprechend für eine rote Stadt war, zum anderen allen voran, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass das Land Niederösterreich jemals bei einer Bewerbung mitziehen würde.“ Nasko befürchtete das im Übrigen ebenso, „St. Pölten war ja damals wie eine Bannstadt. Der Landeshauptmann – der sich ohne Zweifel vieler Meriten verdient gemacht hat – war sich gar nicht bewusst, welche Einschränkung manch Schritt in Krems für die Landeshauptstadt bedeutete. Er musste sich auf die Willkür manch leitender Landesbeamten verlassen“. Und die hätten es mit St. Pölten eben nicht immer gut gemeint, sondern die Region Krems auf Kosten der Hauptstadt gepusht. Nasko hält diesbezüglich etwa Grafenegg nach wie vor für einen falschen Schritt, „weil man das um sündteures Geld mitten auf die grüne Wiese hingeklotzt hat, das bestenfalls für einen kleinen Schickimicki-Kreis leistbar ist, der im fetten Mercedes vorfährt, und wo Firmen generös zum Buffet laden – das hat aber mit ernsthafter Kulturarbeit, die an der Basis ansetzt, nichts zu tun, und es hat anderen Institutionen wie etwa dem Festspielhaus geschadet, weil dadurch das Geld fehlte.“ Auch den Abzug der Kunstsektion des Landesmuseums nach Krems bei gleichzeitigem Bau einer neuen Landesgalerie in Krems kann Nasko bis heute nicht nachvollziehen, und dass NÖKU-Boss Paul Gessl St. Pölten in einem MFG-Interview „Kleinkariertheit“ vorwarf, „war eine Frechheit und hat zahlreiche Persönlichkeiten, wie etwa auch Norbert Steiner, auf den Plan gerufen!“ Dass Gessl gerade umgekehrt St. Pölten damit wohl in Sachen Kulturhauptstadtambitionen aus seinem Dornröschenschlaf wecken wollte, lässt Nasko nicht gelten. „Das kann man in dieser Position einfach nicht machen!“
Zugleich ist es Schnee von gestern, denn der Wind habe sich zum Positiven gedreht. Die nunmehrige gemeinsame Bewerbung sei nicht nur Zeugnis davon „sondern das ist ein regelrechter  Befreiungsschlag – der Schlussstein in der Landeshauptstadtentwicklung, ja, der Beginn eines neuen Zeitalters!“, schwärmt Nasko, wobei er – neben Bürgermeister Matthias Stadler – v. a. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner als Urheberin ortet. „Sie hat mit ihrem ehrlichen Ja zu St. Pölten ein jahrelanges Dogma durchbrochen. Dafür  würde ich ihr an Stelle der Stadt sofort die Ehrenbürgerschaft verleihen!“



"Ich würde an Stelle der Stadt der Landeshauptfrau sofort die Ehrenbürgerschaft verleihen!" SIEGFRIED NASKO



Think Big
Durch den politischen Schulterschluss zwischen Stadt und Land sind jedenfalls die Grundvoraussetzungen für eine positive Bewerbung erfüllt. Auch inhaltlich ist die Dynamik der Stadt an allen Ecken und Enden geradezu greifbar, wenngleich es dennoch Aspekte gibt, die zu Naskos Zeiten im Hinblick auf eine europäische Kulturhauptstadt stärker ausgeprägt schienen. Allen voran ist diesbezüglich das – zumindest nach außen hin sichtbare und zelebrierte – Europa-Engagement St. Pöltens zu nennen. So heimste man in den 90ern eine europäische Auszeichnung nach der anderen ein, mit dem Europapreis des Europarates 2001 als Höhepunkt, was – angetrieben von Sigi Nasko und seinem damaligen Stellvertreter, einem gewissen Matthias Stadler – geradezu wie ein Sport betrieben wurde, weil man schlicht an die Idee eines gemeinsamen Europas glaubte. „Es herrschte damals eine regelrechte Europa-Euphorie vor. Wir wollten, dass St. Pölten quasi nicht nur irgendein Punkt auf der Landkarte ist, sondern aufgrund seiner Lage tatsächlich so etwas wie ein Herz in diesem Europa wird.“ Die Manifestationen erschöpften sich dabei nicht nur in Auszeichnungen und Festen „die programmatisch schon ein bisschen wie die einer europäischen Kulturhauptstadt im Kleinen anmuteten, mit Künstlern aus ganz Europa bis hin zur Neuinterpretation der Europahymne durch Erika Pluhar“, sondern offenbarten sich etwa auch in der Ausstellung „Europa schrankenlos“ sowie am augenfälligsten in dem von St. Pölten initiierten Kooperationsnetzwerk Europäischer Mittelstädte. „Früher organisierten wir regelmäßig Treffen zu aktuellen, oftmals kommunalpolitischen Themen, luden hochkarätige Referenten aus ganz Europa ein, und am Ende stand ein Kommuniqué!“
Eines hatte etwa die Idee eines virtuellen europäischen Jugendparlaments zum Inhalt „da waren wir aber unserer Zeit voraus“, bedauert Nasko das Verschwinden in der Schublade, es illustriert aber das damalige Interesse an einem anderen Aspekt, der früher stärker ausgeprägt zu sein schien – die aktive Jugendkulturförderung durch die Stadt. „Es gab den Jugendfonds zur Förderung der jungen Kulturschaffenden, jährlich wurde der Youngster Of Arts Preis verliehen, auch damals übrigens schon ein Youngsters Of Arts Europe … in den letzten Jahren wurde die Auszeichnung aber nicht mehr vergeben, warum auch immer, dabei liegen die Statuten ebenso vor wie ein gültiger Gemeinderatsbeschluss“, wundert sich Nasko, der sich nicht vorstellen kann „dass es heute weniger junge Kulturschaffende gibt als früher“, wobei er zugleich auch die Jugendlichen in die Pflicht nimmt. „Damals – wenn ich etwa an das Jugendzentrum Steppenwolf denke oder an die Jugendkulturhalle – hatten wir intensive Auseinandersetzungen, da wurden wir von denJugendlichen regelrecht in die Enge getrieben, konnten gar nicht aus“, stellt er anerkennend fest. Dieses Feuer geht ihm heute vielfach ab, „das hat wohl die facebook-Kommunikation lahmgelegt“, merkt er spitz an.
Gefordert seien aber v. a. auch Politik und Verwaltung „wieder mehr Wirbel zu machen. Wir haben damals im Grunde genommen fast alles, was wir uns erträumten, umgesetzt oder zumindest angestoßen, wenn zu Beginn auch häufig in Provisorien. Aber wir haben es gemacht“, vermisst er einen gewissen Zug zum Tor. Derlei Gestaltungswille sei für den Erfolg der Kulturhauptstadt unbedingt von Nöten. „Da müssen manche echt aus ihrer Bunkermentalität raus, in der sie sich eingerichtet haben. Es bedarf jetzt Taten, nicht nur Worten!“, appelliert er und warnt zugleich vor einem sich selbst beschneidenden Blickwinkel unter dem Primat der Kosten. „Wer im Hinterkopf schon vom Sparen geleitet wird, wenn vorneweg Kompromisslösungen, quasi Viertellösungen angestrebt werden anstatt ganzheitlicher, dann sollte man besser gleich die Finger von der Bewerbung lassen. Die Kulturhauptstadt muss ein ganz großer Wurf werden, da müssen wir ein regelrechtes Feuerwerk abschießen! Nur so wird sie auch die erhofften nachhaltigen Folgen zeitigen, werden sich die Investitionen rechnen.“



"Da müssen manche aus ihrer Bunkermentalität raus. Es bedarf jetzt Taten, nicht nur Worten!" SIEGFRIED NASKO



Von Aelium Cetium bis Seebühne
Wenn man Nasko fragt, wo er denn in Sachen Kulturhauptstadt genau investieren würde, ist er um eine Antwort nicht verlegen und sprudelt geradezu vor Projektideen – anbei nur eine kleine Auswahl. „Nachdem wir ja selbst keine Schätze haben und die letzten nach Krems getragen wurden, wäre eine spannende Idee, eine ‚Kulturhauptstadt-Ausstellung‘ aufzuziehen, in der Schätze aus ganz Europa in Repliken gezeigt werden – gut kuratiert und erklärt, so dass man auch Gusto bekommt, die Originale vorort zu besuchen.“ Den zuletzt ventilierten Neubau der Musik- und Kunstschule am FH-Campus befürwortet Nasko ebenso wie er daran angeschlossen bzw. integriert ein neues Europäisches Ballettinstitut fordert. Überhaupt bedürfe es einer nachhaltigeren Förderung des Europaballetts, „das ja die aktuell aktivste europäische Initiative St. Pöltens überhaupt ist. Das Europaballett hatte im Vorjahr 138 Gastspiele in ganz Europa. Es wäre schön, wenn auch das Land Niederösterreich diese Aktivitäten stärker unterstützt."
Daran könne man auch den Ansatz Kulturhauptstadt, wie er ihn versteht, exemplarisch festmachen. „Kulturhauptstadt bedeutet nämlich allen voran die Einbindung der heimischen Szene, letztlich geht es um Seele, um Belebung der diversen Einrichtungen. So etwas, wie etwa ein Klangturm-Krüppel, darf nicht mehr passieren!“ Wobei Nasko auch für diesen im Zuge der Kulturhauptstadt eine Chance auf Wiederbelebung sieht, „das muss dann aber etwas Originäres sein, darf programmatisch nicht austauschbar sein.“
Eine Einbindung der Ehemaligen Synagoge hält Nasko, einer der renommiertesten Zeithistoriker Österreichs, ebenso für notwendig. „Dort könnte man zum Beispiel einen virtual reality Spießrutenlauf umsetzen, dem sich die Besucher aussetzen, oder man stellt virtuell die Hinrichtung der 90 St. Pöltner Widerstandskämpfer dar, die geköpft wurden, um eine gewisse Unmittelbarkeit zu erzeugen. Oder man greift das Thema ‚Flucht‘ in der Stadt auf, erzählt von jenen Juden, die als U-Boot den Holocaust überlebten sowie jenen, die ihnen Unterschlupf gewährten.“
Nasko lässt noch viele Ideen, teils assoziativ, hervorpurzeln, könnte sich etwa eine Einladung an alle europäischen Städte, „die wie das römische St. Pölten, Aelium Cetium, unter Kaiser Hadrian gegründet wurden“, ebenso vorstellen wie die Bespielung der vier Schlösser der Stadt. Und ihm schwebt der Bau einer fixen Seebühne am Ratzersdorfer See vor.
An Ideen – nicht nur jenen Naskos, sondern wie die diversen Foren bereits gezeigt haben auch jenen der Bürger – mangelt es also sicher nicht. Und egal, was an Projekten letztlich auf Schiene gebracht wird, eines bedarf es in den Augen Naskos dabei unbedingt: Mut zum Handeln, auch einer gewissen Kompromisslosigkeit „also wenn sich etwa behördliche oder andere Fallstricke auftun, sich nicht gleich beirren zu lassen, sondern unbeirrt weiterzumarschieren!“ Diesbezüglich nimmt er vor allem die Stadt in die Pflicht. „Was die Landeshauptfrau mit ihrem Ja zur Bewerbung und damit zu St. Pölten geschafft hat, ist eine absolute Trendumkehr im Umgang mit der Landeshauptstadt. Eine Jahrhundertchance. Jetzt müssen wir seitens der Stadt aber auch auf diesem Pferd reiten und nicht nur sitzen wollen! Alfred Kellner hat mit seinem Marathonevent ‚180 Jahre Musikschule St. Pölten‘ einen Paukenschlag gesetzt und damit gezeigt: St. Pölten hat die Basis, das Potential, das Feuer! Es geht!“
Wohlan Freunde: Mutig aufgesattelt und losgeritten. Nicht dem Sonnenuntergang, sondern dem Sonnenaufgang entgegen!



"Kulturhauptstadt bedeutet allen voran die Einbindung der heimischen Szene, letztlich geht es um Seele!" SIEGFRIED NASKO