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KOPFTUCHVERBOT In SCHULEN – Eine Gute IDEE?

Text Jakob Winter, Georg Renner Ausgabe 06/2018

GEORG RENNER
Der Wilhelmsburger arbeitet als Journalist bei „Addendum“.

Es gäbe genug Stoff für eine komplexe Debatte. Aber ist das die Debatte, die wir führen?

Die Debatte, ob „wir“, ob die österreichische Gesellschaft ein Kopftuchverbot in Schulen braucht, hat zwei Seiten. Eine davon ist emotional, eindimensional und an sich recht einfach zu beantworten. Die andere stellt ein kompliziertes Thema in den Raum, das man sehr, sehr differenziert betrachten muss. Sie können sich vorstellen, welche Seite der Debatte den politischen Diskurs prägt.
Bei dieser ersteren, eindimensionalen Seite geht es um das, was man gemeinhin „Identitätspolitik“ nennt: Eine rein symbolische Geste, die „den anderen“ zeigen soll, wo der Hammer hängt: Kopftücher und andere Zeichen des „fremden“ Glaubens passen nicht zu unserer Gesellschaft, zack, Kreuz an die Wand und den Rest verbieten.
Eine solche Politik zielt nicht darauf ab, jemanden besser zu integrieren, nicht darauf, Konflikte zu vermeiden, sondern will Überlegenheitsgelüste verstärken und dadurch eine schwindende Identität stärken. In einer zivilisierten Gesellschaft, die Staat und Religion klar voneinander trennt, sollte so eine Art der Politik keinen Platz haben.
Es gibt aber auch noch eine andere Seite der Kopftuchfrage, und die ist weit schwieriger eindeutig zu beantworten: Die danach, wann sich jemand für eine Religion mit all ihren Regeln und Ungerechtigkeiten entscheiden kann – geht das mit 5 Jahren, mit 7, mit 13? – und wie „freiwillig“ das passiert. Und ob die Schulen nicht genau ein Ort sein sollten, in dem solche Regeln außer Kraft gesetzt sind.
So, wie dort jeder einmal Fußball spielen, mit Schülern anderen Geschlechts zusammenarbeiten, sich einem vorgegebenen Rhythmus unterordnen muss, könnte man sagen, dass man hier auch auf Glaubenssymbole jeder Art verzichten muss, um das Leben abseits des eigenen Milieus kennenzulernen.
Dem gegenüber steht das Recht, sich seine Religion auszusuchen und sie auszuleben, solange sie das Zusammenleben nicht beeinträchtigt – was das Kopftuch eher nicht tut.
Das ist tatsächlich eine Abwägung, die man breit diskutieren kann und deren „richtige“ Beantwortung komplex ist. Aber seien wir uns ehrlich: Ist das die Diskussion, die da gerade stattfindet?



JAKOB WINTER
Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“.

Wer für religiöse Selbstbestimmung ist, muss gegen den konfessionellen Religionsunterricht sein.


Unbestritten dient das Kopftuch in religiös-fundamentalistischen Staaten wie Saudi-Arabien als Instrument zur Unterdrückung von Frauen. Es hat etwas für sich, wenn die französische Journalistin Zineb El Rhazoui sagt: „Ich betrachte den Hijab ab dem Tag als normales Kleidungsstück, ab dem keine Frau auf der Welt mehr eingesperrt wird, weil sie ihn nicht trägt.“
Im liberalen Rechtsstaat Österreich wird niemand wegen eines Schleiers eingesperrt. Hier bringt die Kopftuchdebatte Verfechter persönlicher Freiheiten in eine gewaltige Zwickmühle. Besteht für Kinder weiterhin die uneingeschränkte Freiheit, Kopftücher zu tragen, so bietet diese Freiheit auch eine Gefahr: Dass Mädchen innerfamiliär gezwungen werden, ihre Haare mit dem Hijab zu bedecken. Wird das Tragen des Schleiers dagegen eingeschränkt oder ganz verboten, so mag damit eine mögliche Freiheitsberaubung von jungen Frauen zwar verhindert werden – der Preis dafür ist allerdings, die Religionsfreiheit zu beschneiden. Kein Mädchen könnte mehr freiwillig ein Kopftuch tragen.
Vergiftet wird die Debatte von Zündlern, die für feministische Belange wenig überhaben. Ihre Kritik am Kopftuch fungiert nur als Vehikel für ihren Antiislamismus. Sie wettern gegen „Kopftuchfrauen“ und verdeutlichen damit, dass sie weder den Schleier noch die Trägerinnen als Teil der Gesellschaft akzeptieren.
Dennoch ist es notwendig, von Muslimen eine klare Trennung von Religion und Staat einzufordern – das geht auch ohne Hetze.
Wem die religiöse Selbstbestimmung Minderjähriger ein ehrliches Anliegen ist, der müsste konsequenterweise für eine Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts in Schulen plädieren. Diese Forderung ist freilich nur von wenigen Kopftuchgegnern zu hören. Dabei wäre ein überkonfessioneller Ethikunterricht in einer multireligiösen Gesellschaft das Mittel der Wahl für mehr gegenseitiges Verständnis. Religiöse Symbole hätten in so einem Schulmodell keinen Platz – weder das Kreuz, noch das Kopftuch. Danach können sich Jugendliche entscheiden: woran sie glauben – und wie sie diesen Glauben ausdrücken.