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Geduld

Text Roul Starka Ausgabe 06/2017

Realität ist, dass keiner von uns seit den Flüchtlingsproblemen auch nur einen einzigen Euro weniger verdient oder einen Knödel weniger zum Schweinsbraten hat. Ich lese auf Facebook luftschnappende Hysterien über Kopftücher, Menschen befetzen sich in den Kommentaren, dass einem nur so graust. Binnen kürzester Zeit geht es nicht mehr um die Sache, sondern darum, seinem eitlen Ego Genüge zu tun, teilweise verletzend wie beleidigte Kindergartenkinder, so: „Bei deiner Nasn kein Wunder, was du für einen Blödsinn schreibst!“ Oder: „Hab mir Ihr Profilbild angesehen, na, das erklärt ja alles!“
Die Menschen, die Leute – das sind nicht die da draußen, diese „bösen, bösen, bösen“ – das sind wir alle, beim BILLA oder beim Hofer, auf einem Markt in Istanbul, auf einem Reisfeld in China, oder hier herinnen, vor unseren Laptops und Semmelbröckerln. Hast du heute schon gegessen? Ja? Dann gehörst du zu den zehn Prozent der reichsten Menschen der Welt. Denke bei jedem Wort daran, dass andere jetzt gerade versuchen, einer Bombe zu entkommen – und gerade jetzt keine Zeit haben, Blumen zu posten. Aber liebe deine Blumen und streichle sie. So streichle auch deine Sätze, so lange, bis das aufstampfende Ego rausgestreichelt ist – und nur mehr deine sachliche Meinung bleibt.
Es braucht kein Sprachtalent, es braucht nur eines: Geduld. Geduld mit dir selbst, Geduld mit deinen Worten und Sätzen. Geduld ist nicht lustig, es ist das Anstrengendste und Unwitzigste überhaupt. Aber: Geduld ist gratis und macht glücklich. Geduld ist der einzige Weg für jedes Kunstwerk. Der Weltfriede wäre unser größtes Kunstwerk. Behalte den Pinsel in der Hand, lass uns gemeinsam einen Regenbogen malen.

Euer Roul