MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Facebook Twitter

Ganz vorne sein

Text Andreas Reichebner Ausgabe 02/2018

Er spielt liebend gern Karambol, hört Dixieland-Jazz und läuft mal einfach so zu seinem 50er einen Marathon auf Mauritius. Seine Kernkompetenz ist die Fertigungstechnik und er ist seit Herbst vergangenen Jahres der Neue an der Spitze der HTL St. Pölten, Niederösterreichs zweitgrößter Schule: Martin Pfeffel. Als Direktor will er gehörig dazu beitragen, dass sich seine Schule weiterhin als Speerspitze technischer Bildung präsentiert.

Komm doch zu uns, ich brauche gute Leute.“ Diese Aufforderung hörte Martin Pfeffel im Gasthaus Graf beim monatlichen Jazz-Abend von seinem ehemaligen Klassenvorstand Johann Wiedlack öfters. Sein Vorgänger als Direktor wollte seinen einstigen Schüler unbedingt als Unterrichtenden an der HTL sehen. „In mir war schon immer der Wunsch, zu unterrichten“, erinnert sich Pfeffel, aber die Verlockungen des Geldes in der Wirtschaft waren einfach stärker. Als Vater von Barbara und Magdalena und frisch mit dem Hausbau beschäftigt, war Monetäres ein wichtiger Faktor. Doch 2001 war es soweit, nach fünf Jahren beim Aluminiumwerk Neuman und zwei Jahren bei der Firma SMC, jeweils als technischer Leiter, kam er in seine Schule zurück. Ob er es jemals bereut hat? „Nein“, die knappe Antwort. Pfeffel durchlief so ziemlich alles, was die HTL zu bieten hat, war Laborkustode, Bildungsberater und Eventmanager. „Den Ball zu organisieren ist ein Musskriterium für den zukünftigen Direktor“, erzählt er schmunzelnd, denn auch sein Vorgänger war für dieses Event mit durchschnittlich 5.000 Gästen verantwortlich. Pfeffel dürfte nicht nur das Ballorganisieren gut gemacht haben. So ist er seit dem 1. November HTL-Direktor, wie er betont, „einer der ganz wenigen österreichischen Direktoren, die sofort bestellt wurden und nicht nur betraut.“ Auch ein Verdienst seines Mentors Wiedlack, der „eine nahtlose saubere Übergabe, so wie man es sich in der Industrie vorstellt“, gemeinsam mit dem Landesschulinspektor ermöglichte – eine Seltenheit in Niederösterreichs Schullandschaft.

Viele Herausforderungen

Seitdem sieht er sich an der Spitze der größten Schule St. Pöltens mit knapp 1.800 Auszubildenden anderen Herausforderungen gegenüber. Wie etwa der Industrie 4.0 und der Neuen Oberstufe (NOST), in der negative Kompetenzen geparkt werden können. „Bei Betrachtung des ersten offiziellen Semesterzeugnisses kann man sagen, dass fast um die Hälfte weniger schlechtere Noten zu verzeichnen sind.“ Das kann viele Gründe haben, etwa, dass Lehrer nicht geeignete Schüler „am Schulschluss der ersten Klasse mehr motiviert haben auszusteigen, oder es war der klassische Schuss vor den Bug.“ Dass sich die Lehrenden nun die Lehrpläne viel intensiver anschauen, ist ein weiteres Argument. Fakt ist „ein doppelter Aufwand bei den Dokumentationen für uns.“ Im Zeitalter der Digitalisierung ist Sokrates, die Software des Ministeriums, programmiertechnisch nicht am Puls der Technik. Hier herrscht Nachholbedarf. Deshalb wirkt auch einer seiner Lehrer bei der Arbeitsgruppe im Ministerium mit, das Programm Sokrates NG, „das heißt aber nicht Nicht Genügend, sondern Next Generation“, zu entwickeln.
Pfeffel wünscht sich mehr Schülerinnen, zurzeit sind 111 Mädchen an der HTL, „speziell Industriedesign wird aber gut angenommen.“ Deren Zahl steigt leicht, da sind Initiativen wie „Girls Scout“ und „HTL for girls“ mitverantwortlich, aber „man müsste sich wünschen, dass in den Kindergärten, Volksschulen und NMS mehr männliche Lehrer agieren“, dann würde sich das Rollenbild vielleicht verändern. Mittlerweile beschäftigt man auch zwei Werkstättenlehrerinnen und stellt fest, dass in den Werkstätten, wo es heiß, anstrengend und schmutzig ist, Mädchen ihren Mann stehen. Dass Mädchen gleichwertig sind, ist in der HTL kein Thema mehr.
Bei den Schülerzahlen ortet man eine kontinuierliche, leichte Steigerung, das hat „mit dem WOW-Effekt des neuen Schulgebäudes zu tun, aber auch damit, dass auf unsere Schüler, wenn sie fertig sind, Jobs warten. Mit einem guten Zeugnis hat man ein Luxusproblem, kann sich die Jobs aussuchen.“
Von 2012 bis 2017 dauerte die Generalsanierung und der Neubau des Schulgebäudes, jetzt ist so viel Platz, wie man benötigt. „Über die Funktionalität kann man streiten“, so Pfeffel, der etwa nachträglich einen Trinkwasserbrunnen einbauen ließ.  
Ob er das Unterrichten vermisst? „Ich unterrichte in meiner Kernkompetenz der Fertigungstechnik 6-10 Stunden, da kann ich meinen Akku wieder aufladen, da stören keine Termine und die Schüler sind die einzigen, die sofort ein ehrliches Feedback geben.“ Da hört er allerdings auch, dass manche Vortragenden nicht mehr so geeignet sind, und da ist die neue Schulautonomie, die diesen September in Kraft tritt und Direktoren mehr Handlungsfreiheit geben wird, handzahm. „Bei Neuverpflichtungen von Lehrpersonal hatte man früher schon Mitspracherecht, anders als beim bestehenden. Da sollte man Möglichkeiten bekommen, Leute zu motivieren, doch etwas anderes zu machen.“
In der Anfangszeit fühlte sich der Teamplayer, wie Pfeffel von sich sagt, „etwas vereinsamt als Direktor“, doch jetzt bekommt er viele positive Rückmeldungen von seinen ehemaligen Kollegen. Das Team playen hat er übrigens in seiner Zeit als aktiver Volleyballspieler, bei der katholischen Jungschar und neu gelernt bei der Leadership-Academy Ausbildung in Alpbach und den Schulmanagement-Kursen.
Den Spagat zwischen absolutem Technikstellenwert und Allgemeinbildung schafft man an der HTL „mit einer eigenen Musikkapelle“ und dem Abhalten vieler Projekte. „Bei 36-38 Wochenstunden sind wir da schon auf Anschlag.“

Abseits der Schule
Sein Büro ist noch, wie es von seinem Vorgänger Wiedlack eingerichtet wurde. Bilder von New York, einem Palmenstrand und einer toskanischen Landschaft zeugen von der Verbundenheit zu seinem ehemaligen Lehrer. „Vor Kurzem waren wir in New York, heuer wollen wir in der Toskana urlauben und vor zwei Jahren bin ich mit 50 den Marathon auf Mauritius gelaufen.“ Das war ein Entgegenkommen an seine Familie, insbesondere an seine Frau Hannelore, die es gar nicht mag, wenn sie nur als „Gattin“ tituliert wird, „da bekomm ich die schwarze Karte.“
Was sonst noch über den neuen HTL-Direktor zu schreiben ist: Er liebt das Karambolspiel, guten Wein und rauchige Single Malt Scotch Whiskys, tanzt leidenschaftlich gerne und ist beseelt vom Gedanken, seine Schule „ganz vorne zu sehen.“ Technologisch an der Spitze ist man etwa mit dem Metall-3D-Drucker, den man als einzige HTL in Österreich besitzt. Ja, und wenn er einmal nicht unzählige Stunden an seiner Schule verbringt, dann geht er laufen und träumt von einem Oldtimer à la Alfa Romeo Spider Duetto oder einem Mustang Convertible aus seinem Geburtsjahr, dem 66er-Jahr. Übrigens, nächstes Jahr wird der sozial engagierte Pfeffel auch Lions-Präsident – und das, obwohl der Tag auch nur 24 Stunden hat.

„Die Kooperationen mit der Wirtschaft intensivieren und die HTL St. Pölten weiter ganz vorne positionieren.“ MARTIN PFEFFEL