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St. Pöltens gute Seite

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Es gab so nette Leute dort!

Text Johannes Reichl, Michael Müllner Ausgabe 03/2005

2005 wurde zum Gedenkjahr ausgerufen. Wir jubeln über die Republiksgründung 1945 und schwelgen in Staatsvertragsseligkeit. So nachvollziehbar all dies ist, eines wird dabei gerne ausgeblendet: III. Reich und Holocaust. Ein Erinnern!

Adolf Hitler, der 1920 noch mit Häme aus St. Pölten gejagt worden war, kehrte am 14. März im Triumph zurück, wenn auch nicht ohne Pannen. So konnte der „Führer“ - was einem historischen „Treppenwitz“ gleichkommt - nicht vom Rathaus zur Menge sprechen, weil sich die Gitterstäbe an den Fenstern nicht entfernen ließen. So zeigte er sich am Fenster des Hotel Pittner, vor dem die Menschenmenge „Wir wollen unseren Führer sehen!“ skandierte. 

Die Registrierungsakten

„Eingetragene Nationalsozialisten gab es in St. Pölten um die 2 bis 3.000“, so Dr. Franz Forstner vom Stadtarchiv. Die Registrierungsakten sind allerdings nach wie vor mit Archivsperre belegt. Während das Bundesarchivgesetz prinzipiell eine 30 jährige Sperre vorsieht, ist sie nach dem St. Pöltner Statut auf 50 Jahre - das wäre 1995 - ausgelegt. „Im Falle von Personalakten kann sie aber auf bis über 100 Jahre hinaufgesetzt werden.“, so Forstner. 

Aufgrund der Sperre rankt sich so manches Gerücht um die Akten. So soll die Liste nicht nur eine Reihe bekannter Familien umfassen sondern im Laufe der Jahre auch sukzessive geschrumpft sein und heute – angeblich – nur mehr um die 800 Namen führen. Aufklärung wird man erst bekommen, wenn die Archivsperre aufgehoben wird. 

Judenverfolgung in St. Pölten

Dokumentationen über den Holocaust werden oft falsch rezipiert, nämlich so, als hätten sie mit der eigenen Geschichte nichts zu tun. Nur: Das alles spielte sich auch bei uns ab. „Man braucht nur in Zeitungen nachzulesen, wie es in St. Pölten zugegangen ist.“, so Dr. Christoph Lind vom Institut für Geschichte der Juden in Österreich.

1938 lebten in St. Pölten 399 jüdische Mitbürger. Mit dem Anschluss setzte ihre Verfolgung ein, wie auch aus den Geburtsmatriken, die mit 29. Juni 1938 abbrechen, hervorgeht 

Es gab „Reibpartien“ oder „Waschkolonnen“, den Juden wurde das Stimmrecht aberkannt, Arisierungen - „Ein Begriff“, so Lind „der staatlich legalisierten Diebstahl verschleiert“ – erfolgten, Gewerbeberechtigungen wurden entzogen, so dass am 12. November 1938 verlautet wurde: „Wirtschaftliche Entjudung St. Pöltens abgeschlossen“

Eine alte Frau aus Ragelsdorf kaufte im Kaufhaus von Albert Leicht ein und wurde daraufhin mit dem Schild „Dieses Schwein kauft nur bei einem Juden ein“ in die Auslage gesetzt. Nichtjuden wurden beim Einkaufen in jüdischen Geschäften fotografiert, die Bilder öffentlich ausgehängt. 

St. Pöltner Firmen brachten Schilder „Juden als Kunden nicht erwünscht“ an. Später rief Kreiswirtschaftsberater Waibl auf, die Tafeln „Arisches Geschäft“ im Sinne der „Stadtverschönerung“ zu entfernen – es gab keine jüdischen Geschäfte mehr. 

Die St. Pöltner Juden wurden aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, durften nicht mehr ins Theater, in Parks, auf den Adolf Hitler Platz (heutiger Rathausplatz), mussten das „J“ in die Reisepässe stempeln lassen, die Vornamen Sara oder Israel annehmen, den Judenstern tragen, nur mehr zwischen 14-15 Uhr einkaufen gehen. Viele wurden nach Wien „abgemeldet“, von wo aus die Transporte in die Konzentrationslager gingen.

Novemberprogrom und Auslöschung

Im Zuge des Novemberprogroms, an dem sich rund 400 Personen beteiligten, wurde die Synagoge verwüstetet. SA-Männer zogen liturgische Gewänder an, Fenster wurden eingeschlagen, Heiligtümer zerschlagen, die Bibliothek und Akten öffentlich auf der Straße unter „Bravo“-Rufen verbrannt. In einem offiziellen Bericht an den SD Wien wurde vermerkt: „Die Aktion gegen die Juden werden von der Bevölkerung durchwegs mit Zustimmung aufgenommen.“

Die Synagoge wurde in Folge von der Stadt arisiert, ins Kantorhaus – ein Zynismus – zog die SA-Standarte 21 ein. Erst im Jahr 1980 wurde mit der Renovierung des Baus begonnen. Eine liturgische Feier fand nie wieder statt.

Von den St. Pöltner Juden haben nur drei als „U-Boote“ und sieben in geschützter Mischehe den Holocaust in Österreich überlebt. Bereits am 17. Oktober 1941 hatte der NS-Bürgermeister Langer vermeldet: „St. Pölten juden- und zigeunerfrei.“ Von den fast 400 St. Pöltner Mitbürgern des Jahres 1938 ist ein Drittel großteils ermordet worden! In der gesamten IKG St. Pölten, welche über die Stadt hinausreichte, waren es 310 jüdische Opfer. An sie erinnert heute eine Gedenkinstallation sowie ein Gedenkstein bei der Synagoge. Zurückgekehrt sind nach 1945 nur fünf Familien. Zuviel war passiert – und zuviel passierte auch noch nach dem Krieg. 

Der Fall Schinnerl 

Besonders zynisch mutet an, dass mit Dr. Leopold Schinnerl just jener Beamte mit der Restitution betraut wurde, der während des Naziregimes für die „Liegenschaftsentjudung“ zuständig gewesen war und sich dabei äußerst pflichtbewusst gezeigt hatte. Nach dem Krieg wurde dieser Mann Magistratsdirektor, erhielt den Ehrenring der Stadt und eine nach ihm benannte Straße! 

Die Restitutionen gestalteten sich prinzipiell unsensibel, zum Teil schikanös. „Es hat niemand alles bekommen, was gestohlen wurde.“, so Dr. Lind. Auch die Stadt St. Pölten tat sich nicht gerade positiv hervor. So wurde der IKG Wien bei der Restituierung des jüdischen Friedhofs u. a. der Grasschnitt verrechnet!

Es mutet jedenfalls wenig verwunderlich an, dass es vielen ehemaligen St. Pöltnern schwer fiel, zurückzukehren. Und wenn sie kamen, schlug ihnen Kälte und Ignoranz entgegen. Jenny Gross: „Zu viele Erinnerungen, die mir zu weh tun, und Leute. Ich musste einmal zurück nach dem Krieg, zum Anwalt, und die Leute, die mich vollkommen übersehen haben und die meine Eltern übersehen haben, die wir sehr gut kannten.“

Ähnlich erging es Harry Reiss „Nach St. Pölten bin ich gekommen und konnte nichts runterbringen. Es war sehr, sehr schwer. … ‚Na was wollen Sie denn da!’ So hab ich das Gefühl gehabt.“

Eine erste offizielle Entschuldigung wurde erst 1995 durch eine Einladung seitens der Stadt gesetzt. 

Eines ist traurige Tatsache, wie es Zwi Gol (früher Hermann Hahn) formuliert: „Die ganze jüdische Atmosphäre ist zugrundegegangen. Die hat man vollkommen zerstört. Es gab so nette Leute dort.“

 

 

Zum Weiterlesen:

Aufgearbeitet ist die Geschichte der Juden St. Pöltens sowie Niederösterreichs in Dr. Linds Büchern: „Es gab so nette Leute dort...“, „Sind wir doch in unserer Heimat als Landmenschen aufgewachsen“ sowie „Der letzte Jude hat den Tempel verlassen...“! Diese bildeten auch Grundlage des Artikels!

 

Gedenkjahr in St. Pölten

Der Magistrat widmet das heurige Kulturjahrbuch der Zeit von 1945 bis 1955. Dr. Franz Forstner arbeitet die Geschichte detailliert auf, dazu wurden auch Zeitzeugen interviewt und eingeladen, Berichte, Dokumente, Fotos etc. zur Vefügung zu stellen. Erscheinungstermin 11. Juni!

 

Jüdische Schicksale 

Das Institut für Geschichte der Juden in Österreich startet ab 23. Mai eine Vortragsreihe in der ehem. Synagoge unter dem Motto „Verfolgung, Vertreibung und (kein) Neubeginn: Jüdische Schicksale in Niederösterreich“ 

 

 

Unsere jüdische Vergangenheit

Dr. Christoph Lind, Institut für Geschichte der Juden in Österreich

Auch 60 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft schwankt die Reaktion vieler Menschen jeglichen Alters, von gewöhnlichen Bürgern oder Politikern gleich welcher Partei auf die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der österreichischen Juden noch immer zwischen einer reflexartig oder instinktiv eingenommenen Abwehrhaltung beziehungsweise Rechtfertigungs- und Verteidigungsstrategie einerseits und einer von Schuldgefühlen geprägten Betroffenheitshaltung andererseits. Diese Verhaltensmuster sind bei vielen öffentlichen Anlässen, die mit der jüdischen Geschichte des Landes in Zusammenhang stehen, beispielsweise Buchpräsentationen oder Gedenkveranstaltungen, zu beobachten. Statt den einfachsten Weg zu gehen und das Thema als das anzunehmen, was es ist, nämlich ein Teil unserer Geschichte, finden sich in vielen Reden Andeutungen und Versuche der Rechtfertigung der Handlungen der, formulieren wir es ungeschminkt, Täter, oder aber die Floskeln einer hohlen „Nie wieder“ Betroffenheitsrhetorik.

 

Unsere Gesellschaft wollte nach 1945 die Vertreibung der Juden nicht rückgängig machen. Unsere Gesellschaft hat das den Juden geraubte Vermögen nur halbherzig restituiert und unsere Gesellschaft hat sich erst vor wenigen Jahren dazu durchgerungen, zumindest symbolische Entschädigungszahlungen zu leisten. Ringen wir uns also jetzt, im Jahr 2005, zumindest dazu durch, die jüdische Geschichte Österreichs ohne Wenn und Aber als österreichische Geschichte, als Teil unserer Geschichte, zu sehen. Dazu gehört auch die Errichtung eines Denkmals für die vertriebenen und ermordeten Niederösterreicher jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung. Dieses kann und darf im Sinne eines Bekenntnisses zu unserer Geschichte nur einen Standort haben, nämlich das Regierungsviertel der Landeshauptstadt.