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St. Pöltens gute Seite

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Endlich Diskurs um Architektur

Text Andreas Reichebner Ausgabe 09/2018

Salzburg hat schon lange Jahre einen, Linz auch und sogar Amstetten und Wiener Neustadt kommen ohne ihn nicht mehr aus, sowie ca. 60 andere Städte in Österreich. Nur St. Pölten hat als einzige Landeshauptstadt noch keinen. Wen jetzt? Einen Jedermann, einen Nachtwächter oder einen Gestaltungsbeirat? Einen Gestaltungsbeirat und seit neuestem auch endlich einen Diskurs rund um die Architektur.

Und das mutet seltsam an, denn in kaum einer anderen Stadt in Österreich wurde in den letzten Jahrzehnten so viel gebaut wie in St. Pölten. Bauen boomt in der Landeshauptstadt und der Wildwuchs architektonischen Gestaltungswillens ebenso. Das führte in einer Gruppe von Kulturleuten, Architekten und Künstlern rund um Architekturdoyen Norbert Steiner zu einem Meinungsaustausch. „Es ist diskutiert worden, wie und was  in St. Pölten alles gebaut wurde. Dabei hat man festgestellt, dass St. Pölten die einzige Hauptstadt in Österreich ist, die keinen Gestaltungsbeirat, kein beratendes Gremium hat“, erzählt Steiner, der im Frühling diesen Jahres zusammen  mit der Bundeskammer der Ziviltechniker und erfahrenen Architekten und Stadtplanern für die Stadt als Anregung und zur Hilfestellung eine Veranstaltung zum Thema Gestaltungsbeirat organisierte. Das war die Initialzündung zur Einführung eines derartigen Gremiums auch für St. Pölten.
Aufgrund einiger umstrittener Abbrucharbeiten in den letzten Jahren ist auch die berühmte Volksseele aufgewacht. Es war zwar kein Aufkochen, aber ein Erwärmen. Hat man in der Öffentlichkeit den „Über-Nacht“-Abbruch der Maderna-Villa 2011 noch mit leichtem Wehklagen akzeptiert, wurde die Diskussion nach Abrissen in der Innenstadt, etwa zuletzt dem Ensemble rund um das alte Presshaus in der Linzerstraße, heftiger geführt, was denn nun bauhistorisch erhaltens- und schützenswert sei. Damit kam in die Architekturdiskussion auch noch der Begriff der Schutzzonen dazu.

Gestaltungsbeirat & Schutzzonen
Von der Politik wurde mit einer Bausperre ab 9. Mai 2018 vorerst für zwei Jahre die Notbremse gezogen. „Es geht nicht darum, sich der Modernisierung zu verschließen, sondern darum, mit der Erhaltung alter schützenswerter Bausubstanz und gleichzeitig mit der Schaffung von Neuem und Modernem in entsprechender Qualität Akzente zu setzen. Projekte, die bereits eingereicht und bewilligt sind, sind von der neuen Regelung allerdings nicht betroffen. Hier sind wir auf das Einvernehmen mit den Bauherrn angewiesen“, so der SPÖ-Bürgermeister Matthias Stadler, der einem Gestaltungsbeirat positiv gegenübersteht.
Um ein Zuwiderlaufen der geplanten Schutzmaßnahmen für die historisch wertvolle Bausubstanz zu verhindern, stellt eine Bausperre gemäß § 35 NÖ Raumordnungsgesetz 2014 einen notwendigen Planungsrahmen dar, heißt es von Seiten der Stadt.

Nun ist die Politik gefragt
Zurzeit arbeiten Stadtplaner Jens de Buck und sein Team an einem Konzept: „Wir bereiten die Grundlagen zu zwei eng in Zusammenhang stehenden Themen vor, Gestaltungsbeirat und Schutzzonenkonzept. Die letzten Wochen waren wir intensiv mit den anderen Städten in Österreich in Kontakt, von den dortigen Kollegen haben wir erfahren, welche Erfahrungen mit einem Gestaltungsbeirat und auch Schutzzonenausweisungen gemacht wurden. Wir vergleichen die unterschiedlichen Ansätze, um im nächsten Schritt dem Gemeinderat als Entscheidungsgremium einen entsprechenden Vorschlag zu unterbreiten.“
Durchschnittlich besteht das beratende Baugremium aus drei bis fünf Mitgliedern, die sich drei- bis viermal im Jahr treffen. „Die sollen nicht befangen sein, sie sollen nicht da wohnen und nicht da bauen, also wirklich externe Fachleute sein“, formuliert es Norbert Steiner. Ähnlich sieht es Vizebürgermeister Matthias Adl von der ÖVP: „Der Gestaltungsbeirat sollte ein guter Mix aus unabhängigen Fachleuten, die nicht unbedingt im St. Pöltner Leben involviert sind, sich mit dem Bauen für die Zukunft auskennen, aber doch auch über St. Pöltner Charakteristika Bescheid wissen, sein.“ Als das Besondere an St. Pölten sieht Adl „den bürgerlichen, urbanen Kern, der über Jahrhunderte gewachsen ist, wo aber nach dem Krieg schnell Wohnraum zur Verfügung gestellt werden musste und einige Bauten entstanden sind, über die man diskutieren muss, ob sie erhaltenswert sind.“ Ebenso denkt auch die FPÖ und deren Parteiobmann Klaus Otzelberger: „Wir erachten Schutzzonen im Bebauungsplan als sinnvoll, da so Häuser in schutzwürdigen Zonen vor dem Abriss bewahrt werden können. Ein Gestaltungsbeirat aus Fachexperten, der breit aufgestellt ist, ist dringend notwendig, um so zu definieren, was schutzwürdig ist.“
Für eine Schutzzonenausweisung, die später in die Bebauungspläne übertragen werden, läuft aktuell die Grundlagenerhebung. Dafür hat man als Experten DI Herbert Liske aus Baden engageirt. „Erste Begehungen haben schon stattgefunden, DI Liske hat sehr viel Erfahrung, hat auch schon andere Städte in einem derartigen Prozess begleitet. Seitens des Landes gibt es Broschüren und Arbeitsmaterialien mit Ergebnissen dieser Prozesse in anderen Städten – daran orientieren wir uns“, so de Buck.

Was ist eigentlich erhaltenswert?
Ziel des Denkmalschutzes ist es, dafür zu sorgen, dass Denkmale dauerhaft erhalten und nicht verfälscht, beschädigt, beeinträchtigt oder zerstört werden, und dass Kulturgüter dauerhaft gesichert werden – das gilt für den Schutz von Kulturdenkmalen und kulturhistorisch relevanten Gesamtanlagen (Ensembleschutz). „Mit Gebäuden, die vor 1920 errichtet wurden, tut man sich leicht“, sagte Barbara Neubauer, die ehemalige Präsidentin des Bundesdenkmalamts in einem ORF-Interview. Solche Bauten werden eher problemlos als historische Bausubstanz anerkannt. Aber darüber hinaus gibt es gerade in der Nachkriegsarchitektur einiges, das erhaltenswürdig ist, quasi Zeitzeugen, die sowohl von der Bauweise als auch der gelungenen Umsetzung mit den damals zur Verfügung gestandenen Mitteln, einzigartig sind.
Ein Gestaltungsbeirat würde daher bestens mit definierten Schutzzonen harmonieren. „Der Beirat soll zur Entlastung der politischen Entscheidungsträger bei der bauqualitativen Verantwortung der Außenwirkung von Projekten führen“, wie Stadtplaner de Buck anmerkt.
Norbert Steiner, selbst vier Jahre im Gestaltungsbeirat in Salzburg, bringt es salopp auf den Punkt: „Die Stadtplanung kann Bebauungspläne machen, sagen, wie hoch und wie dicht man da baut, welche Kanten man einhalten soll und so weiter, aber das garantiert noch keine gute Architektur. Das verhindert nicht orange Hütten in einer ruhigen und weißgrauen Umgebung, oder es stehen die Häuser viel zu eng, im schlimmsten Fall entsteht etwas X-Beliebiges, Schwaches, Mittelmäßiges, das nicht in die barocke Umgebung gehört. Das kann nur der Gestaltungsbeirat mit entsprechenden Empfehlungen verhindern oder verändern. Ein Gestaltungsbeirat ist aber nicht das große oberste Gericht, eher ein Beratungskollegium für die Architekten.“
Die rechtliche Einbindung des Gestaltungsbeirates wird über den Paragraph 56 der Bauordnung, dem Ortsbildparagraphen erfolgen. „Der Gestaltungsbeirat ist als externes unabhängiges Gremium Begutachter des Orts- und Landschaftsbildes für ein Projekt. Eine derartige Begutachtung der positiven Eingliederung eines Projektes in das Ortsbild ist ja im Bauverfahren sehr wohl rechtlich zwingend“, so de Buck, der aber auch begrüßt, „dass es in der Innenstadt, bei über viele Jahre hindurch leerstehenden Objekten zu einer Nachnutzung des Bestandes der Grundstücke in zentralster Lage kommt. Da sind wir bestrebt, Wohnen wieder verstärkt in die Innenstadt zurückzuführen.“
Bei wohnbaugeförderten Objekten ist es schon jahrelang Usus, getragen vom Land Niederösterreich, dass architektonische Planungen durch einen Wettbewerb hindurch müssen. Beim frei finanzierten Wohnbau, wo es keinen Wettbewerb gibt, wäre der Gestaltungsbeirat ein gutes Planungsmittel, um die Qualität der Bauten zu sichern und im besten Fall zu heben.
„Eher kein Thema für den Gestaltungsbeirat werden wohl klassische Kleinprojekte wie Einfamilienhäuser in einfachen Siedlungsgebieten sein, anders bei möglichen Schutzzonen, da werden auch kleinere Bauprojekte einem solchen Gremium zugeführt werden müssen – sollte es eingerichtet werden“, reüssiert Jens de Buck noch zurückhaltend. Denn er weiß aus eigener Erfahrung, dass eine in der breiten Bevölkerungsschicht geführte, öffentliche Diskussion über Baukultur bis jetzt in St. Pölten nicht besonders ausgeprägt war. Zeit also, dass nun ein solch qualitätsförderndes Gremium eingefordert wurde – auch unter dem Gesichtspunkt einer Bewerbung der Stadt als europäische Kulturhauptstadt für das Jahr 2024.

Allein dem Prandtauer zuliebe
„Wir in St. Pölten mit dem ehrwürdigen Prandtauer, da ist man der barocken Innenstadt schon schuldig, dass man nicht irgendetwas baut“, hat erst kürzlich Norbert Steiner bei seiner Rede anlässlich der Prandtauer-Preisverleihung an seine Person leger, aber äußerst treffend formuliert.
Denn bei Betriebsbaugebieten, nicht selten korrespondierend mit Stadteinfahrten, gibt es viele haarsträubende Ansichten, so etwa das „Containerdorf“ an der Stattersdorferstraße. „Wir haben mit solchen Entwicklungen, insbesondere dieser Situation, keine allzu große Freude, aber im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten, die wir haben, können wir sie auch nicht verhindern. Im gewerblichen Bauland ist die Thematik des Orts- und Landschaftsbildes gegenüber den Wohnsiedlungsgebieten etwas untergeordnet“, gibt sich Jens de Buck sichtlich enttäuscht, „leider muss das Ergebnis nicht immer mit unseren Wert-, Qualitätsvorstellungen und Gestaltungsmaßstäben übereinstimmen.“ Bezüglich des Landschaftsbildes gibt es in diesem Fall ein Gutachten von externen Fachkräften, das die Akzeptanz bestätigt hat. Da kann man nur hoffen, dass die Mitglieder des Gestaltungbeirates, der vielleicht schon Ende des Jahres seine Arbeit aufnehmen wird, ein feineres Händchen haben werden.



"Der Gestaltungsbeirat ist als externer Begutachter des Orts- und Landschaftsbildes definiert und ein solches Ortsbild ist ja im Bauverfahren sehr wohl rechtlich zwingend." Stadtplaner Jens de Buck



"Wir da in St. Pölten mit dem ehrwürdigen Prandtauer, da ist man der Innenstadt schon schuldig, dass man nicht irgendetwas baut." Norbert Steiner