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Ein Fall für zwei

Text Johannes Reichl Ausgabe 06/2018

Der NP Schriftzug prangt zeitlos wie eh und je am türkisen Gebäude des Pressehauses in der Gutenbergstraße. Doch innerhalb der Mauern ging es in den letzten Jahren beileibe weniger stet zu – ein einsames Telefon samt Klappenverzeichnis neben einer verwaisten Eingangsschleuse, wo dereinst ein Portier die Gäste willkommen hieß, ist noch das unwesentlichste Indiz für den tiefgreifenden Wandel, der auch vor der NÖN nicht haltmachte. Nun sollen die beiden neuen Chefredakteure Daniel Lohninger und Walter Fahrnberger den Tanker wieder in ruhigere Gewässer leiten.

Ihr Auftreten ist beschwingt, als Daniel Lohninger und Walter Fahrnberger in den Besprechungsraum im 6. Geschoss, Chefetage, im Doppelpack hereinschneien. Beide Journalisten in Slim Fit Anzug, selbiger leicht in sich gemustert, weißes Hemd, offener Kragen, braune Schuhe, breites Lächeln, kräftiger Händedruck – man spürt sofort, da steht ein Power-Duo vor einem. Meine augenzwinkernde Frage, ob das der neue NÖN-Dresscode sei, kontern sie mit dem Hinweis auf die „eindeutig“ verschiedene Farbe der Anzüge. Tatsächlich unterscheiden sich die Kleidungsstücke diesbezüglich, was man durchaus auch sinnbildlich für das publizistische Doppel deuten mag: Da sind zwei neue Chefredakteure am Werk, die in die gleiche Richtung blicken und doch jeder für sich seine besonderen Qualitäten mit einbringt. Was für manch Chef der alten Schule dabei wie ein Alptraum klingt – nämlich nicht frei fuhrwerken zu können, sondern sich abstimmen zu müssen – empfinden die beiden als Qualität. „Ich finde es ganz gut, dass man sich noch mit jemandem zweiten auf Augenhöhe austauschen kann – inhaltlich, aber etwa auch bei Personalfragen, Bewerbungsgesprächen etc., die wir gemeinsam machen“, so Lohninger, und Fahrnberger ist überzeugt „dass man durch das Vier-Augen-Prinzip insgesamt breiter denkt. Du bekommst zusätzliche Inputs und Sichtweisen, zudem denken wir jeweils beide Bereiche mit.“ Womit er auf die grundlegende Arbeitsteilung verweist. „Ich bin für die 28 Lokalausgaben zuständig und Walter für die Landeszeitung sowie die Sonderprodukte“, erläutert Lohninger.
Seit November bestimmen sie nun im Doppelpack die Inhalte der ältesten Zeitung des Bundeslandes – als externer Beobachter ist man geneigt zu ätzen „na geht ja“, immerhin hatte der Redakteursrat Daniel Lohninger schon nach dem, um es euphemistisch auszudrücken, nicht unbedingt friktionsfreien Abgang Martin Gebhardts als Chefredakteur mit überwältigenden 42 Stimmen als seinen Favoriten auf die Nachfolge in Stellung  gebracht. Die neue Herausgeberin Gudula Walterskirchen schenkte aber „Presse“-Urgestein Karl Ettinger – bei gleichzeitiger Beförderung Lohningers zum Stellvertreter – ihr Vertrauen. Ein Kurz-Gastspiel, wie sich herausstellen sollte, denn nur  knapp zwei Monate später war Ettinger schon wieder Geschichte und der Weg für Lohninger und Fahrnberger frei.

NÖN im Blut

Damit entschied man sich im zweiten Anlauf für die „inhouse“-Variante, kommen beide Journalisten doch aus dem NÖN-Stall. Lohninger, Doktor der Publizistik, Geschichte und Politikwissenschaften, war jahrelang Redaktionsleiter in Gmünd, bevor er 2012 dem Ruf nach St. Pölten folgte. Fahrnberger wiederum, der schon während seines BWL-Studiums mitarbeitete, war zunächst für das Sportresort der Melker-Ausgabe verantwortlich, bevor er 2005 deren Redaktionsleitung übernahm. „Ich hab damals zu meiner Frau gesagt, ich schau mir einmal an, wie lange ich das mache“, lacht er. Aus dem „Schauen“ sind – mit Zwischenstation Chefredakteur Stellvertreter – mittlerweile 13 Jahre geworden, und man braucht kein großer Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass wohl noch einige folgen werden.
Eine jeweils journalistische Vorprägung hatten im Übrigen beide nicht. Lohninger „wollte aber schon als Kind Journalist werden. Mich hat Information immer fasziniert, in der Volksschulzeit hab ich schon Lexika verschlungen. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass wir zuhause keinen Fernseher hatten“, mutmaßt er im Hinblick auf das evangelisch-puritanische Elternhaus. Fahrnberger wiederum hält gerade umgekehrt möglicherweise die Mattscheibe für mitverantwortlich für seine journalistischen Ambitionen „weil mir immer die Sportreporter so getaugt haben. Da dachte ich mir als Kind, dass ich das auch einmal machen möchte.“ Dass es dann nicht Bernabeu oder San Siro, sondern die Fußballplätze von Hürm und Mank geworden sind, darüber ist er nicht wirklich traurig. „Ganz ehrlich, ich finde Lokaljournalismus fast spannender! Mich hat immer fasziniert, dass du da sofort ein sehr direktes, persönliches Feedback bekommst. Es geht um Vertrauen, Seriosität, Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl.“ In dieselbe Kerbe schlägt Lohninger. „In Wahrheit ist Lokaljournalismus die aufregendste Form des Journalismus überhaupt. Du dringst bis in die tiefsten Niederungen des Lebens vor, zu dem, was die Menschen unmittelbar und vorort bewegt. Zugleich musst du das als guter Journalist aber immer auch in einen größeren Kontext stellen – also etwa St. Pölten-Niederösterreich-Österreich-Europa-die Welt. Das ist eine extrem spannende Herausforderung.“



"In Wahrheit ist Lokaljournalismus ja die aufregendste Form des Journalismus überhaupt." DANIEL LOHNINGER



Raue Medien-See
Eine solche stellt ohne Zweifel auch die aktuelle Situation der NÖN dar, die es nach gehörigen Turbulenzen in den letzten Jahren – kontinuierlicher Rückgang der Abo- und Auflagen -Zahlen, mehrmaliger Chefredakteurs- und Geschäftsführerwechsel – wieder auf einen stabileren Kurs zu hieven gilt. Die See, um es blumig auszdrücken, ist für das „größte Medienhaus des Bundeslandes“, wie es auf der Unternehmenshomepage heißt, eine raue. Manche Sparten sind mittlerweile ganz von Bord gegangen, was mit einem globalen Wandel derMedien-, Verlags- und Druckbranche ebenso zu tun hat wie mit hausgemachten Fehlentscheidungen.
Wurde bereits – um einen Sidestep zu machen – 2015 der Buchverlag „Residenz“ sowie die „nilpferd“-Kinderbuchsparte verkauft, sodass man zuletzt nur mehr Schulbücher für den katholischen Religionsunterreicht herausbrachte, folgte erst vor zwei Wochen der Verkauf der Druckerei mit ihren rund 160 Mitarbeitern an die englische Walstead-Gruppe. Der Bilanzverlust von NP Druck betrug 2016 24,7 Millionen Euro. In diesem Kontext wirkt das kürzliche, nicht unumstrittene Schleifen des ehemaligen Druckereigebäudes in der Linzerstraße in der St. Pöltner Innenstadt geradezu sinnbildlich. Die NÖN liefen im Übrigen schon seit 2014 Jahren nicht mehr in der „hauseigenen“ Druckerei vom Band, sondern wurden seit damals vom Mitbewerber Mediaprint gedruckt, mit dem man allerdings über den gemeinsamen Miteigentümer Raiffeisenholding Niederösterreich-Wien auch wieder irgendwie verbandelt ist – Beleg für die Medienkonzentration im kleinen Österreich.
Ebenso wurde die NÖN – zusammen mit dem Zeitungstitel BVZ quasi der letzte Pressehaus-Mohikaner – in den letzten Jahren gehörig durchgebeutelt. Wies die NÖN etwa im Jahr 2000 noch eine Reichweite von 42,2% in Niederösterreich auf mit wöchentlich über 700.000 Lesern der Printausgabe, so waren es 2017 „nur“ noch 33% oder 468.000 Leser. Die Druckauflage schrumpfte im letzten Jahrzehnt von rund 176.000 Stück auf 137.00, die verkaufte Auflage von ca. 130.000 auf zuletzt rund 101.000. „Man muss allerdings berücksichtigen, dass wir online zuletzt die eine Million unique clients übersprungen haben. Gut ein Drittel unserer Leser sind mittlerweile online-Leser!“, betont Lohninger. Dass das alte Management den online-Auftritt zunächst „verschlafen hat“, räumt Lohninger zwar auf Nachfrage ein, betont aber zugleich „dass wir diesen Sektor in den letzten drei, vier Jahren intensiv aufgebaut haben.“ Definitiv mit Erfolg, die Zuwachsraten sind extrem in die Höhe geschnellt, Tendenz weiter steigend, und es stimmt schon – Leser ist gleich Leser. Mittlerweile trägt auch die ÖAK diesem Umstand Rechnung, indem sie auch die epaper-Auflage ausweist. Journalistisch hat der digitale Wandel für die NÖN sogar ein neues Segment geöffnet „weil wir dadurch heute in gewissen Bereichen tagesaktuell berichten können, was wir als Wochenzeitung sonst so nicht können!“, so Fahrnberger. Für Lohninger eine klare Win-Win-Situation „weil der Kunde mehr aktuelle Information bekommt, und der Journalist eigentlich so viele Personen erreicht, wie nie zuvor.“

Doppelmühle

Keine Win-Situation ist das online-Geschäft freilich in wirtschaftlicher Hinsicht. „Ich kenne keine einzige Zeitung auf der Welt, die damit Geld macht“, verweist Lohninger auf ein grundsätzliches Dilemma der Medienbranche. „Es ist ja bemerkenswert. Für jeden Song, den du dir aufs Handy runterlädst, gibst du automatisch Geld aus – für Information aber nicht. Da ist einfach ein anderer Zugang.“ Einer, der bei den traditionellen Kaufzeitungen bei sinkenden Printleser-Zahlen eine veritable wirtschaftliche Lücke gerissen hat, „weil die qualitative Aufbereitung der Information ja sehr wohl etwas kostet.“ Der Wunschtraum, diese im Online-Sektor durch verstärkte Werbegelder kompensieren zu können, geht bislang nicht auf, wobei Medienhäuser wie die NÖN in eine Art Doppelmühle geraten sind. Der „Feind“ kommt nämlich zugleich auch aus dem analogen Sektor, wo die „Gratiskultur bzw. – gar nicht wertend gemeint – Gratisunkultur“, wie es Lohninger formuliert, in Form konventioneller Gratiszeitungen gehörig am Werbekuchen mitnascht. Dass man dieses allgemeine Phänomen durch interne Fehler des ehemaligen Managements im Pressehaus zusätzlich verschärft hat, steht für viele externe Medienbeobachter außer Streit.  Immerhin hatte man um die Jahrtausendwende durch eine exzessive Expansionspolitik zahlreiche Titel in ganz Niederösterreich aufgekauft und sphärisch fast eine Monopolstellung erarbeitet. Manche Titel stampfte man ein, andere integrierte man in die „Unser“-Blätter und baute so bis 2005 mit „Unser Niederösterreich“ einen niederösterreichweiten Gratiszeitungsring auf. In diesen Markt war von außen kaum mehr einzudringen, bis das Pressehaus die eigene niederösterreichweite Gratis-Schiene – möglicherweise im Glauben, der Konkurrenz bereits das Wasser abgegraben zu haben und verbrannte Erde zu hinterlassen – wieder sukzessive herunterfuhr, mit zwischenzeitigem Wiederblebungsversuch mit „kurz & bündig“ in einer gemeinsamen Gesellschaft mit der Mediaprint. Aber auch das war 2013 Geschichte. Mit dem Rückzug öffnete man aber erst die Flanke für die Mitbewerber, die in das entstandene Vakuum dankend eindrangen und sich wirtschaftlich zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten entwickelten, ja im Fall der Bezirksblätter reichweitenmäßig mittlerweile sogar die arrivierten Kaufzeitungen NÖN oder Kronenzeitung vom Thron gestoßen haben. Das Pressehaus reagierte mit – so der heutige Name – „Niederösterreich mittendrin“, einem gratis NÖN-Avatar, der sich in St. Pölten zum traditionellen Gratismedium LHZ gesellte. Das hausinterne Dilemma blieb dasselbe: Wie viel Qualität und Content bietet man maximal im Gratisprodukt, um nicht die eigene Kaufzeitung zu kannibalisieren, wieviel Qualität muss es umgekehrt mindestens haben, um damit als Marketingtool vielleicht etwaige Leser für die Kaufzeitung zu gewinnen.

Qualität statt Boulevard
Einer Verlockung – und dies ist den NÖN hoch anzurechnen – ist man bei all diesen Überlegungen bislang nie erlegen: „Ein Bad Content Modell kommt für uns nicht in Frage“, stellt Lohninger im Hinblick auf die reißerische Blattlinie manch Gratis-Boulevardmediums, das es mit der Ethik und journalistischen Sorgfalt – bewusst – nicht so genau nimmt, unmissverständlich fest. Fahrnberger unterstreicht diesbezüglich auch den klaren Rückhalt durch die Geschäftsführung: „Friedrich Dungl betont immer, dass nur ein glaubwürdiges Medium ein erfolgreiches Medium ist!“ Und im Rahmen der „150 Jahre St. Pöltner Zeitung“-Feier strich Herausgeberin Gudula Walterskirchen den ersten Wahlspruch des NÖN-Urahns hervor: „Die Wahrheit macht frei!“ An dem habe sich, wie sie ausführte, im Grunde genommen nicht viel geändert. Ja – er sei aktueller denn je.
Und genau dies ist auch der Fokus der neuen Chefredakteure. Lohninger gehört deshalb keineswegs zu jenen, die über den Niedergang der „klassischen“ Printmedien lamentieren, „weil noch kein Medium, das totgesagt wurde, tatsächlich verschwunden ist, sondern es hat sich bestenfalls gewandelt“, sondern er sieht vielmehr im Rückbesinnen auf die ureigensten Aufgaben des Journalismus die große Chance zum Comeback: Medien als seriöse Mittler von Information, wenn man so will als bewusstes Pendant und notwendiges Korrektiv zur Fake-News Flut, die dieser Tage vor allem aus den sozialen Medien völlig unhinterfragt und ungefiltert auf uns hereinprasselt. „In Wahrheit kommt dem Journalismus heute eine bedeutend wichtigere Rolle zu als noch vor 20 Jahren. Es geht um kritische Distanz zu den Eliten, ebenso sich selbst gegenüber. Als Leser muss ich mich darauf verlassen können, dass der Redakteur, der die Geschichte geschrieben hat, gut recherchiert und die Fakten überprüft hat, dass er Bescheid weiß über die Materie und diese  schlüssig in einen größeren Kontext zu stellen vermag.“ Kurzum, es geht um Qualitätsjournalismus. Hoffnung mache diesbezüglich etwa die New York Times „die an Glaubwürdigkeit und damit auch an Lesern gewonnen hat, weil sie im US-Wahlkampf vor der Elite keine Angst hatte und das Bedürfnis der Menschen nach seriöser, kritischer und unabhängiger Berichterstattung erfüllt. Diese Leistung muss man erbringen, um erfolgreich und glaubwürdig zu sein – und genau das machen auch die NÖN!“ Die NÖN machen es zudem – ein weiterer Aspekt, der beide zuversichtlich stimmt – bis auf die lokale Ebene hinab „und lokale Nachrichten werden immer gefragt sein! Das ist genau das, was wir machen. Das ist unser großes Plus“, ist Fahrnberger überzeugt.
Dass den NÖN dabei eine überproportionale, mitunter zu zahme Berichterstattung gegenüber der Landeshauptfrau-Partei, also der ÖVP, unterstellt wird, weisen beide Chefredakteure ganz klar zurück. „6 von  9 Landeregierungsmitgliedern gehören der ÖVP an, da wäre es unlogisch, nicht darüber zu berichten. Oder nehmen wir den Bezirk Melk, wo ich Redaktionsleiter war. Da waren 30 von 40 Bürgermeister von der ÖVP. Dem müssen wir Rechnung tragen!“, erklärt Fahrnberger, und Lohninger macht sozusagen die Gegenprobe und verweist auf St. Pölten, wo aus genau demselben Grund eben die SPÖ und der rote Bürgermeister mehr Berichterstattung einnehmen. „Wir machen aber sicher keine Hofberichterstattung, damit sich irgendein Politiker aus der Zeitung heraus lachen sieht. Damit könntest du heute ohnedies nur mehr scheitern und würdest dem Journalismus, ebenso aber auch der Politik keinen guten Dienst erweisen!“Auch Einfluss oder gar Interventionen der  Eigentümer – die Diözese St. Pölten hält 54% Prozent, der katholische Pressverein der Diözese 26% und die Raiffeisenholding Niederösterreich-Wien 20% – verneinen beide, auch nicht indirekt in Form vorausseilenden Gehorsams. „Wir spüren diesbezüglich gar keinen Druck“, stellt Fahrnberger fest und bringt schmunzelnd als Beleg für diesbezüglich aufgebrochene Strukturen die eigene Bestellung ins Spiel. „Daniel ist der Sohn eines evangelischen Pfarrers und ich komme aus Ybbs, einer erzroten Stadt, wo auch Gusi her ist.“ Das ist für das „Kirchenblatt NÖN“, wie es manche titulieren, tatsächlich exotisch, ebenso wie die Bestellung Gudula Walterskirchens als erste Frau an die Spitze des katholischen Pressvereins und damit zur ersten Herausgeberin der NÖN eine kleine Sensation darstellte.
Lohninger betont jedenfalls „dass es heute inhaltlich kein Tabu mehr gibt. Was zählt ist einzig, ob ein Thema relevant ist.“ Man versteht daher, dass es ihn zurecht geschmerzt hat, dass MFG in einer Reportage über den Disput zwischen Stift und Stadt Melk fälschlicherweise das Nachrichtenmagazin „profil“ als Aufdecker der Geschichte auswies. Tatsächlich hatten die NÖN als erste über das heiße „Kircheneisen“ berichtet.



"Geschäftsführer Friedrich Dungl betont immer wieder, dass nur ein glaubwürdiges Medium ein erfolgreiches Medium ist." WALTER FAHRNBERGER



NÖN reloaded
Gerade das Setzen von Themen, ja Themenführerschaft, haben sich Lohninger und Fahrnberger als oberste Priorität auf ihre Agenda gesetzt. „In den letzten Jahren haben wir viel zuviel auf die Konkurrenz geschaut, sind oft  hinterhergechelt. Wir müssen uns aber unserer eigenen Stärken besinnen und uns fragen, was wir selbst besser machen können.“ Das größte Ass sei dabei das enge Netz aus rund 80 fixen und 600 freien Mitarbeitern in allen Ecken und Enden des Landes. „Da kann uns journalistisch keiner das Wasser reichen! Wenn etwas im Bundesland passiert, dann ist die NÖN in der Regel die erste, die davon erfährt, egal wie klein die Nachricht sein mag – das ist ein wesentlicher Vorteil“, ist Lohninger überzeugt, und Fahrnberger ergänzt „Wenn wir unsere Arbeit also gut machen, dann heben wir uns automatisch von den anderen Zeitungen ab und können die Leser noch besser bedienen.“ Und damit auch stärker an das Blatt binden. Neue Marktteilnehmer – wie etwa den KURIER, der neuerdings unter der Leitung des ehemaligen NÖN-Chefredakteurs und Vorgängers jeden Freitag ein eigenes Niederösterreich-Magazin herausbringt – nimmt man gelassen. „Ganz ehrlich, mir ist das egal, das tangiert uns nicht!“, meint Lohninger, und Fahrnberger wiederholt das neue Credo. „Wir fürchten uns sicher nicht. Wir konzentrieren uns nicht mehr auf andere, sondern machen unser eigenes Ding! Wenn wir das gut und glaubwürdig tun, dann haben wir auch Erfolg.“
Erfolg, den man auch durch eine noch bessere Aufbereitung der Stories – egal ob online, im Print oder in Wechselwirkung – befeuern möchte, weshalb die beiden die irgendwann sanft entschlafene NÖN-Akademie wieder als hauseigene Ausbildungsschiene reaktivieren. Dieser Schritt soll einer insgesamt einheitlicheren Linie, auch einem durchgängigeren Niveau aller 28 Lokalausgaben zuträglich sein, indem eben das Handwerk – das die meisten direkt an der Lokal-Front lernen – in der Akademie noch weiter verfeinert wird. Dabei geht es um Skills wie welche Themen wählt man überhaupt aus, wie werden diese gewichtet, welche Headlines formuliert man, wie sieht es mit dem Text-Bildverhältnis aus etc.
Auch hier schimmert – wie bei der Themensetzung – ein „Weniger ist mehr“-Ansatz durch, der sich im Übrigen auch in einer strukturellen Maßnahme niederschlägt, die nicht nur dem Wandel der Zeit geschuldet ist, sondern zudem das Budget entlasten wird: In jedem Landesviertel wird ein Newsroom eingerichtet, wo sich die Redakteure zentral treffen, während in Zeiten von Handy, Laptop & Co. vollausgestattete Büros in jeder Außenstelle ein Auslaufmodell darstellen. Stattdessen wird man vielfach etwa mit einem Computer-Arbeitsplatz in einem Co-Working-Space das Auslangen finden. „Wir investieren lieber in den Journalismus anstatt in unnütze Strukturen!“, gibt Lohninger diesbezüglich die Marschrichtung vor!



"Wir machen sicher keine Hofberichterstattung, damit sich irgendein Politiker aus der Zeitung heraus lachen sieht." DANIEL LOHNINGER



1 Zeitung – 1 Team – 1 Aufbruch
Last but not least wird ab Herbst auch das Blatt selbst relauncht, vor allem die „Landeszeitung“, also jener autonome Teil im Blattinneren, den – wie eine von der NÖN beauftragte Leseranalyse zutage förderte – „nur 31% der Leser in die Hand nehmen. Da müssen wir ganz klar reagieren, allein schon im Hinblick auf den großen Mittel- und Ressourcen-Einsatz“, so Fahrnberger. Eine weitere Befragung offenbarte zugleich das Paradoxon, „dass etwa in der Region Wien-Umgebung zahlreiche Leser als besonderen Wunsch angaben, dass sie mehr Landesberichterstattung möchten!“ Kurzum, es scheitert offensichtlich nicht am Interesse an Landespolitik per se, sondern eher an deren Wahrnehmung und Aufbereitung im Blatt. Abhilfe möchte man schaffen, „indem wir die Landeszeitung nicht mehr als eigene Zeitung in der Mitte beilegen, sondern im Anschluss an die Regionalberichterstattung einbetten.“
Diese Verschmelzung wird auch einen Relaunch der NÖN insgesamt nach sich ziehen. „Ab Herbst werden Seite 2 und 3 einem landesweiten Thema gewidmet, das aber lokal recherchiert und umgesetzt wird und das die Stärke der NÖN als größte Redaktion des Landes demonstrieren soll.“ Daran schließt dann wie gehabt der Lokal- und Bezirksteil an, der schließlich in den nun fusionierten Landesteil übergeht „der auch wieder mit einer Art ‚Darüber spricht Nieder-österreich‘ einsteigen wird, bevor sich daran die jeweiligen Hauptressorts anschließen.“ Für den Leser soll es alles in allem übersichtlicher, fließender und im Sinne des Themenschwerpunktes auch attraktiver werden. Nur mehr die diversen Sonderbeilagen werden sich klar und als eigenständige Hefte abheben, der Rest ist schlicht NÖN, ein Schritt, der auch nach innen wirken wird. „Die Botschaft ist ganz klar: Wir sind eine Zeitung – wir sind ein Team!“
Ein Team, das unter den beiden Neo-Chefredakteuren insgesamt wieder motivierter und hoffnungsvoller scheint – da ist eine Aufbruchstimmung spürbar, weil die Hierarchien flacher sind, die Arbeit der Mitarbeiter von den Chefs geschätzt wird und ihr Know-How gefragt ist. „Es gibt wieder eine Diskussionskultur, und wir kommunizieren auf gleicher Ebene“, so Lohninger, und Fahrnberger fügt im Hinblick auf manch Retro-Attitüde früherer Tage lachend hinzu, „und wir haben keinen eigenen Chauffeur! Es geht schlicht ums Team, um die Zeitung!“
Und um die Freude an der Arbeit sowie an der neuen Herausforderung. „Im Grunde ist es heute viel spannender Chefredakteur zu sein, als noch vor 20 Jahren, weil du dich einfach mehr anstrengen, dir immer wieder etwas einfallen lassen musst“, ist Lohninger überzeugt. Und  Fahrnberger wiederholt noch einmal die Marschrichtung. „Wenn wir uns auf unsere eigenen Stärken fokussieren, wenn wir unsere Sache gut und richtig machen, dann schaffen wir auch ein gutes Produkt und haben Erfolg.“
Eine raue See bedarf manchmal eben vielleicht vier anstatt nur zwei starker Hände, um das Steuerrad herumzureißen und das Schiff in ruhigere Gewässer zu geleiten. Ein klarer Fall für zwei sozusagen – Daniel Lohninger und Walter Fahrnberger ist dieses Manöver absolut zuzutrauen.



150 Jahre St. Pöltner Zeitung

1. August 1861: Erstmals erscheint als Vorläufer der St. Pöltner Zeitung der St. Pöltner Bote, ein Lokalblatt für die Stadt und das Mostviertel.

8. Mai 1868: Der St. Pöltner Diözesanbischof Josef Feßler erwirbt mit dem Katholischen Preßverein den Boten – das ist die Geburtsstunde der St. Pöltner Zeitung.

1. Jänner 1888: Die St. Pöltner Zeitung erscheint regelmäßig donnerstags und sonntags.

1889: In der Linzer Straße wird eine Druckerei eröffnet.

1902 erhielt die Zeitung die Beilage Bote aus Stadt und Land.

1907 wurde diese von der Reichs- und Weltpost und

1909 noch durch eine Illustrierte St. Pöltner Zeitung erweitert.

1939 wurde der Preßverein aufgelöst, anschließend wurde die St. Pöltner Zeitung zum Propagandablatt der Nazis.

7. März 1946 erschien die erste St. Pöltner Zeitung nach dem Krieg.

Oktober 1965: Die St. Pöltner Zeitung wurde Teil des neu gegründeten Verbunds der Niederösterreichischen Nachrichten, zu dem sich 28 lokale Zeitungen zusammengeschlossen hatten.

1976: Die Druckerei, die NÖN und mit ihr auch die St. Pöltner Zeitung übersiedeln in das neu errichtete Medienzentrum NÖ Pressehaus in der Gutenbergstraße.

Mai 2001: Die Lokalredaktion der St. Pöltner Zeitung zieht in die Rathausgasse 4.

Februar 2004: Die Lokalredaktion übersiedelt in die adaptierte Bankfiliale in der Rathausgasse 1.

ab 2017: Die St. Pöltner Zeitung und ihre Bezirksausgaben Pielachtal, Herzogenburg, Wienerwald und Purkersdorf werden in der Redaktion im ersten Stock in der Rathausgasse 1 gefertigt.