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Die Wertschöpfung der Eintagsfliegen

Text Michael Müllner Ausgabe 09/2018

Der Tourismus boomt, nicht zuletzt in der Wachau. Besonders Reisebusse und die Kabinenschifffahrt treiben die Besucherzahlen in die Höhe. Doch wo viel Licht, da auch viel Schatten. Wie kam es zur Idee einer „Eintrittsgebühr“ in die Wachau?

Zum Höhepunkt der Sommersaison war sie plötzlich geboren, die Idee einer Tourismusabgabe, quasi ein „Eintrittsgeld“ in die Wachau. Den Anfang nahm die Diskussion in Melk, wo die Stadtfinanzen im Argen liegen und man zusätzliche Touristen-Euros gut gebrauchen könnte. Hintergrund ist ein akuter Streit zwischen Stadt und Stift, das jährlich eine halbe Million Besucher anzieht. Rund 600.000 Euro an Lustbarkeitsabgabe schreibt die Gemeinde dem Stift jährlich vor. Das Gesprächsklima ist deshalb schwer gestört und eine dringend nötige Einigung auf einen Brücken-Neubau nicht in Sicht. Kurz gesagt: Das Stift möchte, dass seine Besucher die Brücke kostenlos nutzen können. Die Gemeinde hingegen möchte eine Maut einheben, da die Brücke primär wegen Schifffahrts-Touristen errichtet wird. Während die einen nicht verstehen, warum die Gemeindebürger den Touristen eine Brücke zahlen sollen, bemerken die anderen, dass man eine Kuh nicht mehrmals melken kann.

Lenkung und Schöpfung
Melk hat zwar mittlerweile einen neuen Bürgermeister, die Diskussion aber ist geblieben und hat auch andere Gemeinden erreicht. Touristen bringen zwar Geld, zugleich werden aber auch Investitionen in Infrastruktur nötig, die kleine Gemeinden nur schwer aufbringen können. Nieder-österreichs Tourismus-Landesrätin Petra Bohuslav war demnach bemüht das Thema rasch wieder einzufangen: Simple „Touristenmaut“ scheint bei ihr nicht hoch im Kurs zu stehen, jedoch wurde die Donau Tourismus GmbH beauftragt Lösungen zu finden. Laut Geschäftsführer Bernhard Schröder wurde dazu ein „moderierter Prozess“ aufgesetzt, der im September startet. Begonnen wird mit einer Erhebung der Probleme aus Sicht der Gemeinden.
Zudem werden erfolgreiche Lösungen anderer Regionen analysiert – belastend hohe Touristenzahlen sind ja kein Unikum der Wachau. Auch ausgewählte Partner und Unternehmen sollen eingebunden werden, um möglichst praktikable Lösungen zu finden. Ein Ansatz ist etwa die bessere Abstimmung der Fahrpläne von Kreuzfahrtschiffen, damit nicht auf einem Schlag eine zu große Anzahl an Tagesgästen einen Ort sprichwörtlich überrennt. Gerade diese Problematik der hohen Gästefrequenz wurde auch im Vorjahr in einem „Dialogforum“ intensiv diskutiert. Im Spätherbst sollen valide Daten einer Besucherzählung vorliegen, daraus wird dann,  ausgehend von Dürnstein, ein auf die ganze Region abgestimmtes Konzept erarbeitet, so Schröder.
Dürnstein ist wohl überhaupt das Paradebeispiel, wenn man über den Tourismus in der Wachau spricht. An dem geschichtsträchtigen Ort mit seinem mittelalterlichen Kern kommt kein Wachau-Tourist vorbei. Bei knapp 200 Einwohnern im Ortskern fällt es natürlich ins Gewicht, wenn binnen weniger Stunden mehrere Schiffe anlegen und tausend Besucher entladen. Gerade diese Schnell-Durchgangs-Touristen sehen viele kritisch:  „Eintagsfliegen“ lassen kaum Geld da, ärgern sich Einwohner und Gewerbetreibende. Die öffentliche Infrastruktur benutzen sie natürlich trotzdem.
Um dieses Thema besser diskutieren zu können wurde im Jahr 2016 eine Studie durchgeführt, die positive Wertschöpfungseffekte der Kabinenschifffahrt im Donauraum nachweisen sollte. Seither ist man um einige Fakten schlauer.

Alt und reich
Der typische Tourist auf einer Donau-Kreuzfahrt ist alt und vermögend. Konkret durchschnittlich 67 Jahre, knapp die Hälfte der Befragten verdient monatlich mehr als 4.000 Euro. Sehr viele sind auch das erste Mal im Donauraum unterwegs. Und es stellte sich heraus, dass jene Gäste, die in Zentraleuropa leben, es durchaus für wahrscheinlich erachten, die im Schnelldurchgang besuchten Orte neuerlich (in Ruhe) zu besuchen. Folge-Besuche sind also wahrscheinlich, anders als bei Gästen aus Amerika oder Asien, die einen neuerlichen Besuch weniger wahrscheinlich betrachteten. Die Kabinenkreuzfahrt als Einstiegsdroge in den entschleunigten Wachau-Urlaub, sozusagen.
Auch an Zahlen liefert die Studie beeindruckende Ergebnisse. Mehr als 110 Millionen Euro Nettoumsatz erzeugt die Kabinenschifffahrt zwischen Regensburg und Wien. Dazu kommen „sehr hohe Umsätze mit regionaler Wirkung, die aber aufgrund mangelnder Informationslage nicht quantifizierbar sind.“ Kreuzfahrtschiffe kaufen lokal Getränke und Speisen für ihre Gäste, diese buchen Ausflugspakete bei regionalen Reiseveranstaltern, zahlen Gebühren und geben vor Ort Geld für Souvenirs oder im Kaffeehaus aus. Dazu kommen noch Werbemaßnahmen der Tourismusbranche, die auch den betroffenen Regionen zugutekommen. Und generell geht im Donauraum der Trend zu neuen Schiffen mit weniger Passagieren – Größe und Qualität der Kabinen steigen, wodurch die Zukunft der Donau-Kabinenschifffahrt eher dem Motto „Klasse, statt Masse“ folgen wird.
Und es gibt ja noch ganz andere Touristen. Busreisen sind etwa ein weiteres großes Feld, auch hierbei sind Lenkungsmaßnahmen zunehmend ein Thema. Gerne vergessen wird aber auf den Ausflugstourismus.

Einnahme Ausflug
Was wäre die Wachau ohne die Ausflügler, die Mini-Touristen, die aus Wien, St. Pölten oder einer anderen Provinz in die beliebte Weinregion fahren? Im April gab das Land Niederösterreich die Ergebnisse einer „Ausflugsstudie“ bekannt. Rund 60 Prozent der Wertschöpfung des heimischen Tourismus entsteht durch Tagesausflüge. In Niederösterreich wurden rund 40 Millionen Tagesausflüge unternommen, jeder Gast gab durchschnittlich 36 Euro aus, macht rund 1,4 Milliarden Wertschöpfung pro Jahr. Nur auf die Destination Donau entfielen rund 21 Prozent dieser Ausflüge – was einer Wertschöpfung von 8,6 Millionen Euro entspricht.
Es ist also ein Luxusproblem, das manche Gemeinden derzeit beschäftigt. Sie befinden sich in der glücklichen Lage, dass Naturschönheiten und Kulturdenkmäler Gäste aus Nah und Fern anlocken. Doch auch die Münzen der Besucher haben zwei Seiten. Neben dem Umsatz, den sie bringen, verursachen sie auch Kosten – nicht zuletzt bei öffentlicher Infrastruktur. Projekte, für die viele kleine Gemeinden keinen budgetären Spielraum sehen, weshalb aufeinander abgestimmte, regionale Lösungen naheliegend scheinen. Und die Wachau ist mit einer Grundfrage derzeit nicht alleine, nämlich wie man eine vernünftige Gesamtrechnung anstellt, wenn es um die lieben Gäste geht. Hallstatt überlegt etwa die Zahl der Bustouristen zu kontingentieren.

Zukunftsfaktor Tourismus
Das kroatische Dubrovnik etwa ist ein Hotspot für Kreuzfahrtschiffe, mittlerweile limitierte man die Zahl der Tagesgäste aber auf 8.000 – die schmalen Gassen sind dennoch verstopft, viele Einheimische leiden unter gesunkener Lebensqualität oder ziehen gleich aus der Altstadt weg. Die Kommune selbst verdient an den Liegegebühren jedoch prächtig. Branchenkenner berichten auch von einem massiven Wandel am Markt der Mega-Kreuzfahrtschiffe: mehr Angebot, günstigere Preise. Auf den schwimmenden Städten herrscht das All-Inclusive-Prinzip, womit die Eintagsfliegen tatsächlich kaum Geld in den Häfen und Städten ausgeben, die sie für wenige Stunden besuchen. Ein Trend, der der Donau-Schifffahrt offenbar halbwegs erspart bleibt.
Zurück nach Niederösterreich. Gerade für kleine Gemeinden, die aufgrund hausgemachter Probleme an Bevölkerungsrückgang und Überalterung leiden, kann nachhaltiger Tourismus ein Zukunftsfaktor sein. Eine simple Abgabe zum Touristen-Schröpfen wird dafür wohl kein hilfreicher Beitrag sein. Bis zum Frühjahr sollen erste Erkenntnisse und Maßnahmen aus dem Diskussionsprozess vorliegen. Schon in der Sommersaison 2019 wird sich zeigen, ob die Ideen greifen.