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St. Pöltens gute Seite

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Die Wahrheit mACHT FREI!

Text Johannes Reichl Ausgabe 06/2018

So lautete das Motto der St. Pöltner Zeitung, die vor 150 Jahren als St. Pöltner Bote das erste Mal erschien und bis in die Gegenwart als St. Pöltner NÖN überdauert hat.
Die Wahrheit bzw. zumindest das aufrechte Bemühen, sich dieser anzunähern und sie abzubilden – was beileibe nicht immer gelingt – ist dabei die ureigenste, wichtigste und zugleich nobelste Aufgabe der Medien überhaupt. Im idealistischen Sinne versteht sich, denn die Realität sieht oft anders aus. Medien können verschiedenste Zwecke verfolgen und es gibt auch solche, die ganz bewusst den Wahrheitsgrundsatz pervertieren und damit der dunklen Seite der Macht (denn Macht ist immer im Spiel, und manch Herausgeber geht es allein darum) verfallen sind.
Die Frage ist dabei, was die Unwahrheit in und mit einer Gesellschaft anzurichten vermag? Viel! Verdammt viel sogar. Sie kann die Politik diskreditieren, sie kann die Medien selbst diskreditieren, sie kann das Vertrauen in die Institutionen und die Justiz untergraben, sie kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt aufweichen, sie kann Feindbilder schaffen, sie kann Stimmungen manipulieren, sie kann Ängste bis zum Zorn treiben, ja sie kann sogar Umstürze herbei schreiben. Die Wahrheit vermag dies im Übrigen ebenso, aber aus anderen, aufklärerischen Motiven heraus, die für die Hygenie der Gesellschaft, die sich den Grundsätzen der Aufklärung „Gleichheit, Freiheit, Geschwisterlichkeit“ verpflichtet fühlt, unabdingbar sind. Wenngleich auch das eine Idealvorstellung ist, weil selbst die Wahrheit mitunter eine sehr destruktive Kraft zu entfalten vermag.
Die Unwahrheit muss dabei gar nicht immer in ganzer Niedertracht zu Tage treten, auch die Halbwahrheit, die bewusste Verkürzung, die Verdrehung oder die Auslassung sind bereits Komplizen ihrer fiesen Machtentfaltung.
In St. Pölten war etwa in einer Tageszeitung Anfang April von „Wirbel in der Landeshauptstadt“ zu lesen. Grund dafür soll eine „Massenschlägerei“ am Bahnhof, die später zur „Massenansammlung“ von Ausländern mutierte, gewesen sein. Soll deshalb, weil sich dieser Wirbel um „erschreckende Szenen“ als medial erzeugter herausstellte. Die Polizei traf vorort niemanden an, und die „hohen Wogen“, von denen die Zeitung noch tags darauf berichtete, hielt das Blatt selbst in Bewegung, begleitet von kollektiver Empörung in Online-Foren und an Stammtischen. Informant war ein FP-Mandatar gewesen, an den sich eine Dame gewandt hatte. Der Stadtpolizeikommandant zeigte sich verwundert, dass sich selbige, die sich laut Zeitung über eine Seitengasse „rettete“, nicht direkt der Polizei anvertraut hatte.
Da war von „Panik“ und „Horror“ zu lesen, freilich alles sehr vage: „angeblich“,  „soll“, „Rund 20 Verdächtige?“ Stichhaltige Belege blieb man schuldig. Auch der erwähnte „Verdächtige“, was suggerierte, dass die Polizei bei einem Einsatz am Bahnhof in genau dieser Sache jemanden aus besagter Gruppe herausgefischt hätte, entpuppte sich als Einzelperson, die wegen eines Führerscheindeliktes von zwei Streifenwagen am Bahnhof gestellt worden war. Eine Gruppe dazu gab es nicht. „Kurzum“, so einer der diensthabenden Polizisten an besagtem Tag „am Bahnhofsplatz war überhaupt nichts sonst!“
Selbiger Polizist erzählte auch eine andere Geschichte, die sich vor einigen Jahren zugetragen hatte. Sie handelt von einem alten Mann in einem St. Pöltner Stadtteil, der illegal Strom anzapfte. Ein Medium hatte Wind davon bekommen und rief bei der Polizei an, ob sich der Mann damit bereichere, was der Diensthabende verneinte: „Nein, das ist nur ein armer, harmloser Schlucker, der sich nicht einmal den Strom leisten kann.“ In der nächsten Ausgabe der Zeitung stand das glatte Gegenteil, zudem war anhand des Artikels für Ortskundige leicht nachzuvollziehen, um wen es sich genau handelte. „Er wurde in Folge so geächtet und beschimpft, dass er sich wenige Tage später das Leben nahm!“ Ob dem Journalisten auch das eine Meldung wert war, ist nicht bekannt.