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Die Sprache des Herzens

Text Tobias Zuser Ausgabe 11/2004

Der Trend ist eindeutig: Die Musikbranche setzt wieder auf die deutsche Sprache. Echte Gefühle oder kalkulierte Vermarktungsstrategie? Mia. und Milch packen aus!

Der Imagewandel
Während in der Nachkriegszeit die Rockmusik vor allem mit Großbritannien und Amerika identifiziert wurde, durfte sich die deutsche Sprache eindeutig von einem Genre okkupiert fühlen: dem deutschen Schlager. Diese unsagbare Tradition fand jedoch ein jähes Ende: In den 70ern fungierten Rio Reiser und seine Ton Steine Scherben mit kräftigen Parolen wie „Keine Macht Für Niemanden“ als musikalisches Sprachrohr ihrer unzufriedenen Generation und spätestens mit der discotauglichen NDW und der New Wave Bewegung der 80er (der auch Peter Hein’s Fehlfarben angehörte) gelang der deutschen Sprache endlich wieder der Einzug in die große Musikwelt – irgendwo zwischen Radiotauglichkeit und Underground. Auch heutzutage kann die BRD mit einer Fülle derartiger Bands aufwarten, die allen voran in Hamburg und Berlin beheimatet sind. In diesem Zusammenhang sollten wohl jetzt zumindest Namen wie Die Sterne, Kettcar, Tomte, Blumfeld, ...But Alive, Die Ärzte,  und Rosenstolz fallen. 
In der Hansestadt ist dieser Trend durch den Musikstil der „Hamburger Schule“ schon länger ein Thema, die Bundeshauptstadt durfte sich hingegen vorwiegend in den letzten Jahren damit neu konfrontiert fühlen.
Rotzfrech auf den Punkt gebracht
Es war im Jahre 2002 als in Funk und Fernsehen plötzlich eine freche Stimme ertönte, die zu tanzbaren Beats Sätze wie „Alles wird wie neu sein“ und „Ich will, dass sich die Lager spalten“ in die Welt schleuderte. Die Erzeuger dieser Klänge? Mia. aus Berlin. Mit ihrem sogenannten Elektropunk und ihrer rotzigen Attitude wussten sie gehörig zu polarisieren, aber besonders die Pressewelt, die die Band als kurzlebiges 80ies-Revival abtat, war vorerst nicht zu begeistern. Auch das Debüt-Album des Quintetts musste scharfe Kritik über sich ergehen lassen, doch in der Realität wurden Mia. schnell zum musikalischen Geheimtipp, wohl auch ob ihrer fulminanten Live-Konzerte. Es ging aber auch eine weitere Faszination von dieser Band aus: Endlich brachte wieder jemand Sachen auf den Punkt – auf deutsch. Mieze, die 25-jährige Frontfrau, erklärt den Fabel für ihre Muttersprache so: „Ich bin mit dieser Sprache auf die Welt gekommen. Es ist die Sprache in der ich denke, in der ich träume und tatsächlich die Sprache meines Herzens!“ 
Es ist was es ist
Mieze hat im Gegensatz zu vielen anderen jedoch das Talent alltägliche Themen und Begriffe – egal  ob Liebe, Hass, Veränderung und Schmerz – in Worte zu fassen, ohne dabei peinlich oder lächerlich zu klingen: „Ich begreife mich als Medium. Ich fühle und erlebe nichts anderes als du.“ Außerdem war der Zugang zu den Fans immer ein ganz besonderer: So waren Mia. immer diese Sorte von Band, die nach dem Konzert mit den Leuten über Gott und die Welt redete. Die dadurch entstandene Sympathie fing jedoch Ende 2003 etwas zu wanken an. Mit ihrem Song „Was es ist“, in dem die Situation ein Deutscher zu sein thematisiert wird, brach ein wahrer Hagel von Kritik und Anschuldigungen auf sie herein – so schrieben große deutsche Tages- und Wochenzeitungen verurteilende Artikel, jedoch meistens ohne überhaupt bei der Band um eine Stellungnahme zu bitten oder näher zu recherchieren. Die Vorwürfe: Deutschtümelei und Nationalstolz. Was das alles nun wirklich zu bedeuten hat? Als Teil des Projekts „Angefangen“, das vom Berliner Label r.o.t ausgeht, beschäftigt sich das Lied vor allem mit Werten. Mit Mut, Liebe, Toleranz und Respekt würde jede Gesellschaft eine bessere werden. Die Idee dahinter? Durch Dialoge das Potenzial im Land zu entdecken, die Gedanken zu fördern, zu diskutieren und zu verbessern. So hat Mieze oft beteuert sich früher wegen ihrer Herkunft geschämt zu haben. Aus diesem Grund betonte sie damals auch immer aus Berlin zu kommen um das Wort Deutschland ja nicht aussprechen zu müssen. Wenn man nun nicht einmal mit seinem Ursprung klar kommt, sich dafür schämt – belügt man sich dann nicht selbst? Im Lied des Anstoßes findet diese Situation ihre passenden Worte: „Fragt man mich jetzt woher ich komme tu ich mir nicht mehr selber leid / Ich riskier was für die Liebe / Ich fühle mich bereit“. Dass in Wahrheit nichts hinter dieser großen Aufregung steckt, will natürlich immer noch nicht ganz akzeptiert werden (zu groß war die Mühe der Band etwas anzuhängen) und so hält der sinnlose Wirbel um dieses Thema weiter an. 
Umweltschutz und Natürlichkeit
Mit ihrem zweiten Album „Stille Post“ häuften sich rund um Mia. jedenfalls wieder die positiven Schlagzeilen. So unterstützte man mit dem Song „Ökostrom“ das Greenpeace-Projekt, das die gleichnamige Energie-Alternative anbietet, und bewies damit, dass eine Band durchaus mit ihrer Musik etwas verändern kann: Die Ökostrom-Anträge stiegen und dabei war die Veröffentlichung der Single ein wesentlicher Faktor. „Musik bedeutet mir unglaublich viel und birgt für mich so viel Kraft, dass mir so etwas noch einen größeren Antrieb gibt. Ich freu mich wahnsinnig darüber. Man fängt wieder an mit seiner Musik zu teilen. Das ist schön, denn ich wünsche mir wirklich direkt in andere Herzen vorzudringen.“ Auch die aktuelle Auskopplung „Sonne“ weiß zu überzeugen, denn dahinter steckt eine kompromisslose und durchaus lehrreiche Konfrontation mit dem Älterwerden – für Mieze ist das nämlich der natürlichste Vorgang überhaupt: „Das wunderbare daran ist: Älter werden wir alle. Ich wünsche mir eigentlich nur einen unkomplizierteren Umgang damit, und dass alles so normal behandelt wird wie es nun mal normal ist.“ 
Und mit eben diesen Botschaften wird die Band diesen Winter wieder durch die Lande ziehen ohne dabei das wichtigste im Leben zu vergessen: „Gesundheit, denn wir haben alle Träume und Visionen, die wir noch verwirklichen wollen!“ 
Letztendlich muss man aber nicht aus Deutschland kommen um derartige Musik machen zu können: Nein, auch hier in St. Pölten sind deutsche Texte durchaus ein Thema, was Bands wie Seppuku oder Milch mit ihrer offenen Gesellschafts- und Politikkritik deutlich unter Beweis stellen. 

„Danke Milch!“
Kaum eine andere Band in St. Pölten verkündet so offen ihre Meinung wie Milch. Diese leisteten im Jahr 2002 zum Beispiel das Titellied zur Jugendkulturhallen-Demo auf dem St. Pöltner Rathausplatz – mit dem treffenden Text: „Wir sind da, auch wenn’s euch lieber wäre, wenn wir’s nicht wären“. Für Milch-Frontmann Filius erfüllt die deutsche Sprache vor allem den Zweck der unmissverständlichen Botschaft: „Wenn man zu einem Nazi sagen will "Du Arschloch, dich braucht keiner!" ist es besser das in seiner eigenen Sprache zu formulieren, in der Sprache, die dieser Hohlkopf auch versteht, in der Sprache der Strasse!“ Nach etlichen Auftritten sind Milch zur Zeit eifrig daran ein neues Programm zusammenzustellen, das wohl im Frühjahr fertiggestellt wird. Obwohl es noch aggressiver, noch komplexer und noch nuancierter werden soll, bleibt die Message nach wie vor dieselbe – nämlich nicht alles so hinzunehmen wie es präsentiert wird, sondern sich selbst Gedanken zu machen und selbst eine Meinung zu bilden. Wie recht sie doch haben!

Links:
www.miarockt.de
www.milch1.at
www.seppuku.at.tt