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St. Pöltens gute Seite

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Die Sache mit dem Sektoralen Bettelverbot – Eine Gute Idee?

Text Jakob Winter Ausgabe 12/2016

„Wie armselig muss man sein, den Ärmsten etwas zu neiden?"

Zu betteln, sagte mir vor ein paar Tagen ein Obdachloser traurig, sei furchtbar erniedrigend. Er versuche es so gut es gehe zu vermeiden. Doch wenn die Taschen leer sind und der Hunger drängt, dann muss er – ob er will oder nicht.
Wer an den bettelnden Gestalten mit ihren Pappbechern vorbeistapft, der muss nicht – der kann. Er kann ein, zwei Münzen in den Becher werfen. Oder er hebt den Kopf und tut so, als hätte er das Elend nicht bemerkt. Kein Bettler schränkt einen anderen Menschen in seiner Freiheit ein, jeder Bettler lässt den Vorbeiziehenden die Wahl, nein zu sagen. Warum also die Freiheit der Bettler beschneiden? Oder anders gefragt: Wie armselig muss man eigentlich sein, den Ärmsten etwas zu neiden?
Armut mag unschön anzusehen sein, sie ist jedoch gesellschaftliche Realität. Unter der Annahme, dass niemand gerne bettelt (übrigens ein Menschenrecht), müsste die Frage lauten: Wie bringen wir diese Leute aus ihrer misslichen Lage?
In St. Pölten geht die Diskussion in eine andere Richtung: FPÖ und ÖVP fordern ein Bettelverbot, andernfalls würden bald „Bettlerhorden“ einfallen. Das Szenario ist äußerst unwahrscheinlich: Die Zahl der guten Bettelplätze ist begrenzt – ebenso wie die Menschen, die bereit sind, ein paar Cent zu geben.
Überdies ist höchst umstritten, ob solche Verbote tatsächlich etwas bewirken: Die Stadt Innsbruck verbat Bettelei in der Innenstadt bereits vor über einem Jahr, doch die Bettler zogen einfach ein paar Straßen weiter oder blieben gleich sitzen. Denn die astronomischen Strafen (2000 Euro) können sie ohnehin nicht berappen.
Und was ist mit der Bettelmafia? Trotz massiver Ermittlungen der Polizei gibt es keinen Hinweis auf kriminelle Strukturen in Österreich. Nur ein paar Einzelfälle sind bekannt, bei denen Bettler gezwungen wurden – die Täter waren jedoch keine Mafiosi, sondern selbst arm.
Wer glaubt, mit Bettelei wäre dermaßen viel Geld zu verdienen, sollte selbst den Realitätstest machen: Ein Pappbecher und sehr viel Zeit, mehr braucht es nicht.