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Der Voithplatz – eine 65-jährige Fußballgeschichte wird planiert

Text Thomas Schöpf Ausgabe 09/2016

Ende August musste der SKN St. Pölten den Voithplatz räumen, der nun wieder im Firmenbesitz ist. Das letzte Kapitel einer 65-jährigen Fußballgeschichte. Künftig sollen dort Wohnungen entstehen.

Mit einem 18:1-Kantersieg des BSV Voith gegen SC Rabenstein wurde der Voithplatz 1951 eröffnet. Das letzte Tor erzielte die Ungarin Lilla Sipos beim 6:0 des FSK St. Pölten-Spratzern gegen SKV Altenmarkt vor 250 Zuschauern am 11. Juni 2016, während am St. Pöltner Rathausplatz schon etwas mehr Fußballbegeisterte beim Public Viewing der EM-Partie England gegen Russland entgegen fieberten. Der letzte Hausherr SKN St. Pölten hatte sich schon im Mai 2012, ebenfalls standesgemäß mit einem 3:1-Sieg gegen Austria Lustenau (Erste Liga), vom Voithplatz verabschiedet.  3.650 Fans pilgerten damals zum „aufgeschütteten Steinhaufen“, wie VSE-Kultkicker Alfred Tatar – nun Analytiker bei „Sky“ – seine ehemalige Wirkungsstätte bezeichnet. Daniel Lucas Segovia gelang ein Doppelpack und Langzeit-Coach Martin Scherb stach sein Gegenüber Helgi Kolvidsson aus, der wiederum diesen Sommer als Assistent der Teamleitung beim EM-Höhenflug der Isländer mittendrin war. Zum Abschluss gab’s noch einmal „Preise wie vor 30 Jahren“. Die Letzten verließen um sechs Uhr früh mehr oder weniger angeschlagen die nicht abgesperrte Kultstätte. Ab vier Uhr waren alle noch vorhandenen Getränke gratis, weil das Personal schon genug hatte.

Von Weltstars und Nieten

Geschichten wurden am Voithplatz in 65 Jahren zahlreiche geschrieben. Die sportliche Blütezeit erlebte er 1988 bis 1994, als der VSE St. Pölten unter Präsident Helmut Meder in der Bundesliga mitkickte und vor allem im Aufstiegsjahr mit Spielmacher Mario Kempes, dem Drei-Mann-Sturm Ernst Ogris, Franz Zach und Slobodan Brankovic und dem beinharten Manndecker-Duo Leopold Rotter und Hans-Peter Frühwirth die Massen anlockte. 7.091 lautete im Grunddurchgang 1988/1989 der offizielle Zuschauerschnitt, Rapid wollten damals durchschnittlich 3.991 daheim sehen. Lediglich der FC Tirol unter Trainer-Legende Ernst Happel mit Spielern wie Bruno Pezzey, Hansi Müller oder Peter Pacult war hierzulande mit 10.227 Besuchern ein noch größerer Magnet. Kempes – Weltmeister mit Argentinien und WM-Torschützenkönig 1978 und Gewinner des Cups der Cupsieger mit Valencia 1980 – ist nur an zwei Spielstätten häufiger aufgelaufen als an jener am Spratzerner Kirchenweg: im Estadio de Mestalla de Valencia und im Estadio Gigante de Arroyito, der Heimstätte von Rosario Central. Eine Arena trägt mittlerweile seinen Namen, das Estadio Mario Alberto Kempes in Cordoba. Ja genau, das ist dort, wo Österreich 1978 Deutschland, Sie wissen schon.

Der Bundesliga-Rekordspieler des VSE heißt allerdings Hans-Peter Frühwirth, kommt aus dem Burgenland, und lief 176 Mal in der höchsten heimischen Spielklasse für die Voith Schwarze Elf auf, deren Name den Ursprung im schwarzen Kragen der ersten Dress nach dem zweiten Weltkrieg hatte. Der BSV Voith hielt sich Anfang der 60er-Jahre immerhin mehrere Jahre in der damaligen zweithöchsten Spielklasse, der Regionalliga Ost. Der einzige Spieler, der sowohl für den VSE, FCN und SKN St. Pölten die Schuhe schnürte, ist Gärtner Thomas Nentwich. Den prominentesten Kurzeinsatz verzeichnete Laurentiu Reghecampf, der im Frühjahr 1994 unter Trainer Willi Kaipel eine Minute gegen die Austria auflaufen durfte (auswärts) und als nicht bundesliga-tauglich befunden wurde. In Deutschland bewies er dann bei Energie Cottbus und Alemannia Aachen jahrelang das Gegenteil, mittlerweile trainiert er den rumänischen Topklub Steaua Bukarest. Der farbige Nordire Roy Essandoh brachte es immerhin auf drei Einsätze in der zweiten Liga für den VSE, wurde dann wegen einer Knieverletzung heimgeschickt und sorgte in England tagelang für Schlagzeilen, als er im FA-Cup-Bewerb den damaligen Drittligisten Wycombe Wanderers als Joker zum 2:1-Sieg gegen Premier-League-Club Leicester City ins Halbfinale köpfte. Essandoh hatte erst tags zuvor einen Vertrag bekommen, nachdem er sich auf ein Inserat (!) des Klubs gemeldet hatte und wurde anschließend ins nordirische Nationalteam einberufen. Vom VSE ins Nationalteam schafften es Leopold Rotter und Frenkie Schinkels (Kopfballtor gegen die Niederlande beim 3:2-Auswärtssieg unter Ernst Happel), dazu stand Heimo Vorderegger einmal „auf Abruf“ bereit. In den Europacup schaffte es nur der SKN, allerdings erst nach dem Wechsel in die NV Arena. Dafür trug die Admira 1982 ein Intertoto-Heimspiel hier aus. Gegen den schwedischen Klub IFK Norrköping kamen 3.500 Zuschauer, darunter Helmut Meder. Der sofort erkannte, was in St. Pölten möglich sein kann.

ABSCHIED AUF RATEN. Der mehr alt als ehrwürdige Voith-Platz blickt auf eine schöne Vergangenheit zurück, Fußball gespielt wird aber mittlerweile in der modernen NV-Arena. Heute nutzen nur noch einige Hobbygolfer den Rasen zum Schlagenüben – doch auch das wird bald Geschichte sein. Es sollen Wohnungen enstehen.