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DER BINDER

Text Johannes Reichl Ausgabe 06/2017

„Nicht, dass mir das ein Nachruf wird“, ermahnt mich Herbert Binder schon im Vorfeld (!) des Gesprächs. Und okay, zugegeben, vermeintlich anlassbezogene Ereignisse wie Binders 80er bergen selbstredend die Gefahr journalistischer Verklärung. Andererseits hat der Gute nun einmal eine verdammt bemerkenswerte Vita auf dem Buckel, und die wurde bislang hier im MFG nur deshalb nicht erzählt, weil Binder als Redaktionsmitglied quasi von der Berichterstattung ausgeschlossen war. Nun zieht sich der Hebi aber zurück, für die „Jüngeren“, wie er kokettiert, und wir können seine Geschichte erzählen.

Die beginnt man vielleicht am besten mit dem Hinweis auf ein seltenes Phänomen. Binder ist nämlich den einen der Herbert, den MFG-Fans der Hebi, ganz vielen aber „DER Binder“. Selbst seine Gattin Hermine tituliert ihn derart in Gesprächen, auch in denen, wo er zugegen ist. Einen solchen Artikel vorm Namen, der wie ein Adelsprädikat wirkt, muss man sich freilich erst erarbeiten – man erinnert sich an große Diven wie DIE Monroe, DIE Dietrich. Und während es jüngeres Gemüse von KHG über Kurz und Kern nur mittels aufgepumpter Marketingmaterial-Schlachten schafft, eine eigene „Marke“ zu werden, ist dies Persönlichkeiten vom Kaliber eines Binders noch ausschließlich kraft ihrer Ausstrahlung, ihrer Autorität und ihren Taten gelungen – und da auch nur den allerwenigsten.

Die beraubte Generation. Doch beginnen wir ganz von vorne, als DER Binder noch der kleine Herbert aus der Vorstadt ist. 1937 wird er geboren, die Mama ist Hausfrau, der Papa „war ein kleiner Verkäufer von Konfektionsware.“ Wobei die Erinnerungen an den Vater nur rudimentär sind. „Ich habe ihn eigentlich nicht wirklich kennengelernt. Als ich zwei war, wurde er eingezogen, 1943 ist er gefallen. Dazwischen war er zweimal auf Heimaturlaub.“ Konkrete Erinnerungen hat Binder deshalb nur ganz wenige „und bei manchen weiß ich nicht, ob ich sie wirklich selbst erlebt habe oder mir nur aus Erzählungen angeeignet habe.“ Binder ist damit unfreiwilliger Repräsentant einer beraubten Generation, die vielfach ohne Vater und andere Männerfiguren aufwachsen musste. „Als ich maturiert hab, waren fünf von insgesamt fünfzehn Absolventen Halbwaisen!“ Dem absenten Vater standen vielfach übergroße Mütter, Kriegswitwen gegenüber „und das waren ja nicht, wie man sich heute eine Witwe vorstellt, alte Damen, sondern Frauen in den Dreißigern“ – die zu ihren Kindern vielfach ganz intensive Beziehungen entwickelten, die für die Heranwachsenden mitunter auch eine Belastung insofern darstellen konnten, dass sie mit enorm hohem Erwartungs-, Erfüllungs-, Nicht-Enttäuschen-Wollen-Drucks einhergingen. „Für meine Mutter war ich der Lebensinhalt.“ Dies vielleicht in Binders Fall noch dadurch potenziert, dass er als Kind oft und v.a. schwer krank ist. „Ich kann mich noch erinnern, wie sie mich im Leiterwagerl durch den Kaiserwald gezogen hat, weil ich zu schwach zum Gehen war. Ich war ja ein richtiges Zarterl.“ Scharlach, Lunge, Diphterie, Nierenleiden drücken den Buben nieder. „Einmal war ich ein halbes Jahr lang im Krankenhaus und hab fast das ganze Schuljahr versäumt.“ Erst – was für eine Symbolik – mit dem Einmarsch der Russen 1945, mit Kriegsende, erfängt sich auch der Bub und steht, wie ein ganzes Land, am Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die letzten grausamen Zuckungen des Krieges bekommt der fast 8-jährige Knabe freilich noch unmittelbar mit. „Wir waren ausgebombt und kamen in einem Haus in Viehofen unter. Dort, rund um das Schloss Viehofen, wo die SS einquartiert war, spielten sich in den letzten Kriegstagen wahre Horrorkämpfe ab.“ Binder erinnert sich an in den Bäumen aufgehängte SS-Offiziere, „oder an ein volksdeutsches Paar, das vor unserer Kellertür liquidiert wurde.“
Vor allem erinnert er sich aber an die ganz eigene Aura der Wiederaufbauzeit und einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, den man nur wenige Jahre zuvor für unmöglich gehalten hätte: „Was die sauber nach Quellen arbeitenden nachgeborenen Wissenschaftler nämlich oft nicht wahrnehmen – das ist aber die wahre Leistung der Wiederaufbaugeneration – ist der Umstand, dass diese Menschen nur elf Jahre, nachdem sie sich 1934 noch blutig die Schädel eingeschlagen hatten, etwa die Schutzbündler Alois Rauchenberger und Johann Hoys, mit Straßen in unserem Viertel bedacht, hingerichtet worden waren, gemeinsam den Staat wiederaufgebaut haben, ja überhaupt zur Zusammenarbeit fähig waren.“

Amalgam der Vorstadt
Die Gründe für diesen Brückenschlag ehemals verfeindeter Lager sieht Binder nicht zuletzt auch darin begraben, dass diese Jahre „so wie ich sie erlebt habe, keinesfalls so schwarz-weiß und eindimensional waren, wie das heute gerne dargestellt wird.“ Es herrschte vielmehr eine Mischkulanz aus Katholizismus und Sozialismus, aus Kirche und Politik, die Binder als „ganz eigenes Amalgam“ bezeichnet. „Unser Nachbar etwa war ein überzeugter Kommunist und hat jeden Sonntag die Volksstimme ausgetragen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie er immer völlig durchgeschwitzt von seiner Tour zurückgekommen ist, um ja nicht die 9 Uhr Messe zu versäumen.“ Zum Himmelfahrtskommando wurde regelmäßig auch die Fronleichnamsprozession, die Binder als Ministrant hautnah miterlebte. „Nachdem man die Altäre für die Prozession in Vergangenheit immer geklaut hatte, wurde schließlich ein mobiler Altar auf einem LKW montiert, der dann – unter Polizeischutz – vor der Prozession einher fuhr. Begleitet wurde das Ganze von vielfältiger Radiomusik, weil die eingefleischten Sozialisten ihre Radios auf die Fensterbretter gestellt und auf volle Lautstärke gedreht hatten, um so die Prozession zu sabotieren und die himmlische Musik, welche die rote Eisenbahnermusikkapelle in der frommen Schar beisteuerte, zu übertönen“, erzählt Binder schmunzelnd. Es herrschte also, auf gut österreichisch, ein wunderbares entweder UND oder. Binder ist jedenfalls überzeugt, „dass mich dieses Klima im Arbeiterviertel nachhaltig geprägt hat“, ebenso – fern des Politischen – auch der Umstand, dass sich damals 67 Kinder im Hof tummelten „Das war in Sachen Sozialisierung die hohe Schule des Lebens“, die auch mit einem großen Quantum Freiheit einherging „weil der Begriff von Ob- und Fürsorge damals ein ganz anderer war als heute. Es war etwa völlig normal, dass die Eltern NICHT wussten, wo sich ihr achtjähriger Filius den ganzen Nachmittag über herumtreibt. Hauptsache man war am Abend pünktlich zuhause.“ Das Draußensein war zum einen den beengten Wohnverhältnissen geschuldet, „ich bin in einer 36m² Wohnung groß geworden“, zum anderen aber auch dem allgemeinen Umfeld. „Man muss sich das anders vorstellen als heute – wir waren damals ja noch Herren über ein ganzes Viertel. Es gab kaum Verkehr, große Baulücken und hinter uns im Süden war sowieso nichts mehr außer Felder und die nahe Traisenau. Wir hatten auch noch nicht diese Kommunikations- und Entertainmentdichte wie heute – wir durften uns noch selbst unterhalten!“ Etwa beim Fischen in der Au, beim Fußballspielen auf der Gstetten oder beim Sammeln, „denn damals gabs ja kaum ein Kind zwischen 10 bis 12, das nicht irgendetwas gesammelt hätte.“ Im Falle Binders waren es vorrangig Käfer.

Mutig in die neuen Zeiten. Binder zählt auch zur ersten Generation, die – unbewusst verstrickt – ins sich abzeichnende Wirtschaftswunder hineinwächst, das man selbst aber noch aus bitterer Armut in Angriff nimmt. „Die Kinder sollen es einmal besser haben als wir“, lautet das Credo der Eltern, und dies gelingt auch häufig. Binder etwa, für ein Kind aus ärmlichen Verhältnissen in den 50er– und 60er–Jahren beileibe keine Selbstverständlichkeit, geht aufs Gymnasium und studiert später in Wien Welthandel. All das geht mit zahlreichen Entbehrungen einher – für die Mutter ebenso wie für den Sohnemann. Was den Buben dabei antreibt, ist auch eine Art „Arme-Leute-Stolz“, denn Jugendlichen wie Binder wird nichts geschenkt, wenngleich sie gerade umgekehrt im wörtlichen Sinne sehr wohl auf „Geschenke“ angewiesen sind. „Mein Gewand kam von der Caritas.“ Und während Kids aus besseren Kreisen ihren Wohlstand bekleidungstechnisch offen zur Schau stellen, „wie etwa Semesterkollege Hannes Androsch, der damals auf der Wirtschaftsuni mit blütenweißer Kleidung und Tennisracket eintrickste, trug ich noch amerikanische Glockenhosen, die längst passé waren.“ Binder entwickelt daraus aber „eine Art Überlebensstrategie.“ Der erzwungene shabby-Look mutiert zusehends zum ganz bewussten Statement, zum Bekenntnis zur eigenen Herkunft und Vita, zur vermeintlich unterprivilegierten Klasse, die sich ihren Erfolg eben selbst erarbeitet hat und daher auf Äußerlichkeiten verzichten kann. Wenig verwunderlich, dass Standesdünkel Binder sein Leben lang zuwider sind. Als er späterhin, dann schon als Geschäftsführer des Nieder­österreichischen Pressehauses selbst Teil der vermeintlich besseren Gesellschaft, sich im St. Pöltner Parkclub zum Tennis einschreiben möchte und aufgefordert wird, zwei Bürgen vorzuweisen, „hab ich auf der Stelle kehrt gemacht und mir gedacht ‚Na dann halt nicht!‘“
Für Binder ist es jedenfalls unumgänglich, sich während des Studiums Geld dazuzuverdienen. Zwar bekommt er kleine Stipendien „für die du dich jeweils einzeln bewerben musstest und was mitunter mit sehr demütigenden Erfahrungen einherging“, aber die Unterstützung allein reicht nicht aus. So verdingt er sich in verschiedensten Jobs, vom Kreuzträger am Zentralfriedhof „wo ich zehn Schilling pro Begräbnis bekommen hab“ bis hin zum Bauhilfsarbeiter, der 1954 an der Traisenbrücke mitbaut. Und dann schreibt er auch noch für die St. Pöltner Zeitung „auf Zeilenhonor“.

Der Medienmacher. Dass er selbst es sein wird, der von der St. Pöltner Zeitung ausgehend ein Medienimperium aufbauen wird, kann der Jung­spund damals noch nicht erahnen. Im Nachhinein erweist sich „meine journalistische Fronterfahrung von damals aber als enorm wertvoll, weil ich dadurch Einblick und Verständnis in die Arbeit und Anliegen der schreibenden Zunft gewonnen habe – keine Selbstverständlichkeit für einen Verleger.“ Als Binder 1960 als 23-Jähriger vom katholischen Pressverein zum Direktionsassistenten bestellt wird, hat das damals noch in der Linzerstraße situierte Unternehmen gerade einmal sieben Zeitungstitel im Portefeuille. Der Buchverlag gibt einen einzigen hochdramatischen Titel, nämlich „das Diözesangebetsbuch heraus und in der gewerblichen Druckerei stand eine 30 Jahre alte Druckmaschine!“ 42 Jahre später, die Binder als Verlagsleiter ab 1963 sowie schließlich als für alle Bereiche zuständiger Geschäftsführer des Pressehauses ab 1970 federführend mitprägt, übergibt er 2002 eines der größten Medienunternehmen Österreichs mit 480 Mitarbeitern an seinen Nachfolger. Die NÖN sind aufgrund sukzessiver Aufkäufe anderer Titel zu DEM Leitmedium des Bundeslandes geworden , „weil Chefredakteur Hans Ströbitzer, Ingfried Huber und ich an ein Massenmedium fürs flache Land glaubten, und weil mir klar war, dass wir die Zeitung nur finanzieren können, wenn wir ein geschlossenes Vertriebsgebiet aufbauen, um auch überregionale Werbekunden zu gewinnen.“ Die Druckerei entwickelt sich unter Binders Ära zu einer der größten Industriedruckereien der Republik, und auch der Buchverlag verlässt die rein religiösen Sphären und bringt zur Hoch-Zeit jährlich an die 50 Titel heraus, die insbesondere dem Sachbuch- und Kinderbuchsegment zuzuordnen sind. Kurzum, das Pressehaus wird zu einer Erfolgsgeschichte, die nicht zuletzt auch Binders Führungsstil geschuldet ist. „Ein Grundprinzip von mir war immer, mich mit Leuten zu umgeben, von denen ich überzeugt war, dass sie auf ihrem Gebiet besser sind als ich und sich auch trauen, mir als Chef ihre Bedenken bis hin zum etwaigen Widerstand zu artikulieren.“
Dass im scharfen Wind einer sich weltweit im Umbruch befindlichen Medienlandschaft vieles von dem, was Binder über Jahrzehnte aufbaute, nach seinem Abgang wieder zerbröckelte, kommentiert der ehemalige Boss nicht weiter. Über sein Pressehaus würde er ohnedies nie ein abfälliges Wort verlieren, dazu hat es ihn viel zu sehr erfüllt. „Das Reizvolle an meinem Beruf war ja diese Parallelität von Zeitungsmachen, Buchverlag und Industriedruckerei, das kam meinen persönlichen Interessen sehr entgegen! Und ich durfte unglaublich viele großartige und interessante Menschen kennenlernen“, blickt er gerne und im Guten zurück.

Der Nimmermüde. Wobei das Zurückblicken ohnedies nie Binders Sache war – dazu ist er von zu großem Gestaltungswillen beseelt. Schon als Jugendlicher gründet er etwa den ersten St. Pöltner Basketballverein „in einer Zeit, als Basketball in etwa so exotisch war wie heute Landhockey.“ Regelmäßig holt er damals, ein zweites Fahrrad mitführend, einen Wiener Schiedsrichter vom St. Pöltner Bahnhof ab, der auf dem zweiten Drahtesel Platz nimmt. Sein Name: Franz Vranitzky. „Der verdiente sich damals mit dem Schiedsrichtern Geld zum Studium dazu. Als er dann später Kanzler war und ich als österreichischer Zeitungspräsident Termine bei ihm hatte, verrollte sein Sekretär immer die Augen, weil wir über alte Basketball-Zeiten palaverten anstatt zur Medienpolitik zu kommen.“
Seit seiner Teenager-Zeit engagiert er sich auch in der Katholischen Kirche. Leitfiguren waren damals „hochintellektuelle, liberale Priesterpersönlichkeiten wie etwa ein Prälat Triebl oder  später Otto Mauer und Karl Strobl. Noch als Gymnasiasten tauschten wir Zeitschriften wie ‚Hochland‘, ‚Wort und Wahrheit‘, alte Hefte der ‚Fackel‘.“ Autoren wie Camus und Sartre standen ebenso auf der Tagesordnung wie „aufmüpfige Theologen. Einer davon hieß Ratzinger, dem das vorkonziliare theologische Establishment bei seiner Habil Schwierigkeiten machte.“ In der Katholischen Hochschulgemeinde in Wien gab‘s nächtelange Diskussionen mit Leuten wie Friedrich Heer, Fritz Wotruba, H. C. Artmann, Arnulf Rainer & Co. „Mit 20 war ich Diözesanverantwortlicher der Katholischen Hochschuljugend, in den 80er-Jahren dann Präsident des Katholischen Akademikerverbandes.“ Aber irgendwann „bin ich dem kirchlichen Betrieb – nicht der Kirche an sich und hoffentlich auch nicht dem lieben Gott – abhanden gekommen.“ Es war, glaubt Binder, „wahrscheinlich die Kleruskirche, die mich an den Rand getrieben hat. Am unangenehmsten sind die Möchtegernkleriker unter den Laien!“ Die Kirche beschäftige sich zunehmend nur mehr mit sich selbst. Die Welt und die Menschen seien kaum mehr Mittelpunkt des Sendungsauftrages.
 Um genau diese, die Menschen, ist es Binder aber immer gegangen. Ein besonderes Herzensanliegen ist ihm dabei die Hospizbewegung. „Früher war Sterbebegleitung ja noch eher eine Fleißaufgabe, lief im Spital irgendwie mit – ein Sterben in Würde wurde damit fast verunmöglicht.“ Binder hebt deshalb Ende der 90er die „Plattform Hospiz“ aus der Taufe, um die Notwendigkeit professioneller Sterbebegleitung – von der Ausbildung bis hin zur Implementierung der Palliativmedizin im Krankenhaus – „über alle religiösen und weltanschaulichen Ansätze hinweg“ bewusst zu machen. Tatsächlich gelingt es ihm, sämtliche relevanten Gambler zu vereinen, „wobei ich, um quasi Druck aufzubauen, das Bestehen des Vereines mit drei Jahren festgesetzt habe – bis dahin mussten wir Ergebnisse liefern.“ Und das gelingt tatsächlich, „nicht zuletzt auch dank des politischen Verständnisses einer Liese Prokop und des heutigen Innenministers, Wolfgang Sobotka“, wie Binder betont. Am Ende seiner Bemühungen steht die Gründung des Landesverbandes Hospiz.
Seine Finger im Spiel hat Binder aber ebenso bei der Gründung der FH St. Pölten, für deren Realisierung er sich als Obmann des Fördervereins Fachhochschule St. Pölten stark macht, er ist einer von vier elderly Business-Men, welche die Umsetzung der städtischen Wirtschaftsservicestelle ecopoint antauchen, und gründet den Förderverein Kulturbezirk, im Zuge dessen er sich nicht nur um die Integration der damals neuen Landeskultureinrichtungen in der Hauptstadt verdient macht, sondern insbesondere auch einen „damals längst überfälligen“ sphärischen Brückenschlag zwischen Stadt und Land auf den Weg bringt.

Bildungsbürger. Kultur war und ist neben seiner Familie (mit Gattin Hermine ist er 55 Jahre verheiratet, er ist Vater von vier Töchtern und Großvater von sieben Enkelkindern) überhaupt eine von Binders großen Lieben. „Ohne Musik etwa könnte ich mir mein Leben nicht vorstellen“, auch wenn der Einstieg holprig ist. „Als Kind hab ich Geige gelernt, das war eine Zumutung“, lacht er, dabei kann er so schlecht nicht gespielt haben, bringt er es doch immerhin bis zum 2. Geiger im St. Pöltner Musikverein „aber auch nur, weil es für das damals walzerselige Repertoire gerade noch ausgereicht hat.“ Als Zuhörer steht er da schon auf anspruchsvollere Kost, zieht sich nicht die Klassiker rein, sondern hat „auch vor zeitgenössischen Komponisten wie etwa Ligeti, Nono oder Glass keine Angst.“
Unübersehbar ist auch Binders Liebe zum geschriebenen Wort. Bei einem Besuch seiner Altbauwohnung beschleicht einem im ersten Moment die Vermutung, man hätte sich vielleicht in der Adresse geirrt und sei stattdessen in einer Bibliothek gelandet – an die 20 Laufmeter Buch-Regale ziehen sich durch die Zimmer. „Ich bin ein notorischer Vielleser“, gesteht er sodenn, der sich deshalb auch nicht – wie andere Altersgenossen – über die sich allmählich einschleichende senile Bettflucht beklagt, sondern aus dieser Not eine Tugend gemacht hat. „Dadurch habe ich jetzt noch mehr Zeit zum Lesen, jede Nacht mindestens eineinhalb Stunden.“ Das Interesse geht dabei querbeet, wobei Binder einerseits vor allem Sachbücher (aktuell etwa Rudolf Taschners „Woran glauben“ oder Ernst Trosts Buch über die Donau) liest, sich andererseits aber auch der Lyrik hingibt. „Da hole ich mir dann jede Nacht einen anderen Freund oder eine andere Freundin ins Bett, je nach Lust und Laune“, flunkert er über seine Dichter-Liaisonen, um den Romanciers einen brüsken Korb zu geben. „Ein Romanleser war ich nie!“
Dafür einer, der selbst „mein ganzes Leben lang nebenbei geschrieben hat.“ Zeugnis seiner Autorschaft legen unzählige Artikel und Beiträge in diversen Anthologien, Zeitschriften, Bildbänden und Co. ab. Sehr zu unserer Freude und Ehre adelte er als Hebi auch das MFG-Magazin mit seinen witzig-scharfsinnigen Beobachtungen über seine Heimatstadt St. Pölten, die er mitunter als „spröde Geliebte“ bezeichnet. „Ein eigenes Buch habe ich allerdings nur ein einziges geschrieben: ‚Zwischen Gipfel und Abgrund‘.“ Was wie ein aktueller Polit-Thriller über „Raise and fall of Django Mitterlehner“ klingt, ist in Binders Falle wörtlich zu nehmen, handelt das Buch doch von seiner Leidenschaft fürs Bergsteigen und Wandern. Gemeinsam mit seiner Hermine macht er bis heute diverse Berge unsicher. „Wir sind etwa in 60 Tagen von Hainburg bis Bregenz marschiert und haben dabei 67.000 Höhenmeter überwunden! Zum 70er wiederum wünschte sich meine Frau 70 Gipfel in einem Jahr!“ Nicht gerade ein konventionelles Geschenk, aber jedenfalls eines mit hohem Erinnerungspotential. Dabei geht es Binder vordergründig nicht ums Gipfelstürmen an sich, „als vielmehr um die Wirkung, ja die Wirklichkeit der Natur. Nach spätestens einer halben Stunde Wandern wird nämlich fast alles, was dir als Problem erschienen ist, relativ. Außerdem bist du fast ausschließlich mit positiven mitmenschlichen Erfahrungen konfrontiert.“

Für immer jung. Dass die Gipfel mit zunehmendem Alter nolens volens allmählich weniger und niedriger werden, nimmt Binder mit Gelassenheit, wie er überhaupt seinen Fokus auf das Unmittelbare austariert hat. „Ich nehme mir vor, die vermeintlich großen Dinge etwas gelassener zu nehmen, die vermeintlich kleineren dafür liebevoller zu betrachten.“ Was er damit meint? „Die kleinen Sachen können Begegnungen mit Menschen sein oder das Schauspiel der Natur, das ich nun oft bewusster wahrnehme. Und die Großen – da ist es einfach so, dass zunehmend Abschiede jedweder Art erfolgen und ich mir wünsche, diese – wenn schon nicht ganz ohne Wehmut – so doch mit einem Lächeln anzunehmen.“
Bevor jetzt jemand Einspruch erhebt (gar Binder selbst) und ausruft: „Ha, jetzt ist das also doch ein Nachruf geworden“, den darf ich getrost beruhigen. Da macht uns der liebe Herbert schon selbst einen Strich durch die Rechnung, denn bei aller Altersweisheit (die ihm schon von Jugend an anheimgegeben scheint), hat er sich bis heute seine unbändige Neugierde erhalten: „Neugierde halte ich für eine der wichtigsten Tugenden eines alternden Menschen überhaupt – wenn du die verlierst, dann bist du nicht nur wirklich alt, sondern dann verlierst du auch an Dimension.“ Darum braucht man sich in Binders Fall nun wirklich keine Sorgen zu machen. Seine Dimension, sein Horizont, seine Tiefe suchen ihresgleichen in dieser Stadt, und auch wenn er physisch 80 Lenze vorzuweisen hat, ist er einer von der Sorte „für immer jung“, wie es weiland Heller und Ambros besungen haben. Eine absolute Ausnahmeerscheinung – DER Binder eben.



"Für meine Mutter war ich der Lebensinhalt." HERBERT BINDER

"Die Zeiten damals waren keinesfalls so schwarz-weiß und eindimensional, wie das heute gerne dargestellt wird." HERBERT BINDER

"Neugierde halte ich für eine der wichtigsten Tugenden eines alternden Menschen überhaupt." HERBERT BINDER

"Neugierde halte ich für eine der wichtigsten Tugenden eines alternden Menschen überhaupt." HERBERT BINDER