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St. Pöltens gute Seite

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Braustadt St. Pölten

Text Gotthard Gansch Ausgabe 06/2017

Durchschnittlich über 100 Liter Bier rinnen jährlich in Österreichs durstige Kehlen, damit ist man Vizeweltmeister hinter Tschechien. Mittlerweile wird das flüssige Gold aber immer trendiger, immer hipper – und die Zahl der Brauereien steigt kontinuierlich. Wir haben mit den in St. Pölten präsenten Bierbrauern gesprochen.

In den letzten Jahren ist die Auswahl an Bieren stetig größer geworden. Gab es etwa 1980 und 1990 in Österreich nur mehr um die 60 Braustätten, so übersprang man um die Jahrtausendwende bereits die Hundertermarke. 2015 kam man bereits auf über 200 Braustätten, mittlerweile ist man bereits bei einer Zahl knapp unter 250 angekommen. Meistens handelt es sich hierbei um Kleinst- und Kleinbrauereien, Gasthaus- und Hausbrauereien, die nur geringe Mengen an Bier produzieren. Es werden dann auch Spezialbiere gebraut, eine Nische gesucht – Craft Beer ist wohl vielen schon ein Begriff.

Der Platzhirsch. Auch in und um St. Pölten wird eifrig gebraut. Der städtische Branchenprimus ist dabei klar die Privatbrauerei Egger. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, zur größten Privatbrauerei Österreichs aufzusteigen. Und mittlerweile wird auch der Heimatort um- und beworben, wie auch Geschäftsführer Bernhard Prosser bestätigt: „Es gibt nun ein Näheverhältnis zur Stadt. Das war früher so nie ausgeprägt. Es entwickelte sich erst unter Bürgermeister Stadler.“ Dadurch sei man jetzt auch Imageträger für die Stadt, denn 300 Millionen Mal würde man die Stadt mit Bier und Genuss verbinden. „Wir wollen in St. Pölten präsenter sein“, erzählt er weiter: Der Egger-Steher neben der Autobahn, der Sudkessel beim Kreisverkehr in der Nähe des Stadions und nun der Deal mit den städtischen Veranstaltungen wie etwa dem Sommerfestival, wo in Zukunft Egger Bier ausgeschenkt wird,  zeugen vom klaren Bekenntnis der Brauerei zu ihrer Heimatstadt. „Das hat mir schon auch immer weh getan, dass wir in die ganze Welt verkaufen, aber vor der Haustür wird ein anderes Bier getrunken.“
In der Stadt wird auch weiterhin investiert, so wird der Standort erweitert, weil man an die Kapazitätsgrenzen stoße. „Wir wollen von St. Pölten aus die Welt erobern!“, lacht Prosser.

Panta rhei. Prosser sieht dabei eine sich im Wandel befindliche Branche: „Der Trend geht hin zu alkoholärmeren Bieren, wir produzieren auch immer mehr alkoholfreies Bier.“ Die Gesellschaft wandle sich, man lebe eben immer gesundheitsbewusster. „Aber auch die Damenwelt trinkt vermehrt Bier. Es gibt jetzt auch trendige ‚Glasl‘ – es muss nicht mehr der Sekt sein.“ Immer mehr Menschen legen zudem Wert auf Regionalität. „Von St. Pöltner Gastronomen, aber auch von der Bevölkerung spüren wir das Bekenntnis zur heimischen Wirtschaft, das merkt aber die gesamte Lebensmittelbranche“, führt Prosser aus. Davon profitieren auch die kleinen lokalen Brauereien, die Prosser toll findet: „Die Kleinen bereichern die Bierkultur, sie ergänzen das Sortiment. Das hilft der gesamten Branche!“ Man stehe nicht in Konkurrenz zueinander. „Wir können das gar nicht produzieren!“, so Prosser, der gesteht: „Dass Bier als Genussmittel gesehen wird, dazu helfen auch Craft-Biere. Und auch ich trinke gern mal ein anderes Bier, das taugt mir selber!“

Alles für die Fische. Eine dieser kleineren Brauereien ist das Petri Bräu der Familie Sigl. Obgleich man aus St. Veit stammt, ist man mit Bier und Fisch am St. Pöltner Markt präsent. Dort war man vor sieben Jahren auch die erste Brauerei, der Bier-Seidl verkaufte, wie Florian Sigl, verantwortlich für die Beschickung der Märkte, stolz erzählt. Über die Fischzucht kam überhaupt erst die Idee zum Brauen: „Wir müssen wegen der Fischzucht immer wieder Wasserproben nehmen. Und einmal wurde uns gesagt, dass das Wasser die perfekte Qualität zum Bierbrauen habe.“ So begann die Familie vor sieben Jahren klein mit einer 50-Liter-Brauanlage, mittlerweile hat man selbst mit der 200-Liter-Anlage den Plafond erreicht, weshalb Florian Sigl aktuell plant, eine größere Anlage selbst zu bauen. Das Bier ist dabei komplett naturbelassen, es wird auch keine Kohlensäure zugesetzt. „Da gibt es schon einen Geschmacksunterschied, das schätzen die Leute.“ Eine geringere Haltbarkeit ist der Preis des Ganzen. Die St. Pöltner Marktbesucher sind und waren vor allem zu Beginn etwas skeptisch: „Es dauert seine Zeit, bis etwas anrennt. Aber wenn mal wer bei mir ein Seidl trinkt, dann kommt er wieder!“, so Sigl, der vor Ideen nur so sprudelt. Man darf sich etwa auf Fischleberkäs und – natürlich – Bierleberkäs freuen. Und das alles vom Familienbetrieb – Kathi Sigl ist die Braumeisterin, Dominik Sigl der Wirt, Florian der besagte Marktfahrer.

In cervisia veritas. Ebenso am St. Pöltner Markt vertreten ist das Geroldinger Brauhaus. Familie Willach steckt hinter den Biererzeugnissen, die nur regional im Umkreis von 30 bis 40 Kilometern vertrieben werden. „Bierbrauen war und ist das Hobby meiner Frau Nadine“, skizziert Friedrich Willach die Beweggründe des Einstiegs ins Brauen: „Wir haben dann das Hobby zum Beruf gemacht!“ Seit 2013 produzieren sie ihr Bier, bereits 25 verschiedene Sorten haben sie gebraut, dürfen sich auch Staatsmeister nennen. Das handwerklich gebraute Bier werde von den Kunden geschätzt. Es handle sich eben um ein Naturprodukt, es wird weder gefiltert noch pasteurisiert. Auch Willach registriert Veränderungen: „In Österreich trinkt man immer noch bevorzugt Helles, aber alles andere wird immer mehr.“ Und er sieht eine Parallele in der Geschichte: „Das ist wie beim Wein vor 30 Jahren. Dass Qualität etwas mehr kostet, dass die handwerklich gebrauten Biere preislich nicht mit den industriellen Großbrauereien konkurrieren können, das wird nun vielen klar. Es ist da grad erst etwas im Entstehen.“ Die Vielfalt, die Regionalität, die besonderen Sorten – das sind die Nischen, die man als kleine Brauerei eben bedienen muss.

Ante Portas
. Vor den Toren St. Pöltens braut Familie Diesmayr ihr Dunkelsteiner Bräu: In Schaubing liegt ihr „Kürbishof“, ein schöner Betrieb und ein gemütliches Lokal, wo sich alles rund ums Bier und um den Kürbis dreht. So ist etwa das Kürbisfest im August ein wichtiger Termin und sicher dem einen oder anderen geläufig. Neben der Landwirtschaft wollte die Familie noch ein zweites Standbein, man suchte nach einer Nische. Durch einen steirischen Bekannten, der ebenso Kürbisbier herstellt, kam man vor mittlerweile neun Jahren auf die Idee, Bier zu brauen. Erich Diesmayr bemerkt ebenso, dass die Leute momentan generell gern zu selbstgebrauten Bieren greifen. „Ich möchte mein Bier da jetzt gar nicht explizit rausstellen, das betrifft alle.“

In einem Zug. An der Mariazeller Bahn gelegen liegt in Ober Grafendorf das Bahnhofsbräu. Im Jahre 2013 kaufte Wolfgang Stix den Bahnhof, es entstand die nach eigenen Angaben „erste Bahnhofsbrauerei Österreichs“. Zur Revitalisierung des Bahnhofs habe das Bierbrauen gut gepasst, „und als Naturkosmetik- und Bio-Schokoladenerzeuger ist Bier für uns ebenso ein natürliches Produkt, da hat es einfach ins Konzept gepasst“, verlautet man vonseiten des Bahnhofsbräus. „Der Trend geht eindeutig in Richtung Kleinbrauereien, da subjektiv betrachtet durch die Zusammenschlüsse und Aufkäufe von großen Brauereien weltweit die Sehnsucht nach ursprünglichen Bieren stark gestiegen ist“, ist Pressesprecher Michael Drobil überzeugt.

Der Newcomer. Die städtische Palette wird seit neuestem auch durch Stefan Sodek ergänzt, der am Gelände der ehemaligen Spitzenfabrik in Viehofen im Norden der Stadt (wo jetzt die ‚Living City‘ besteht) sein danach benanntes Spitzenbier brauen will. Sodek ist Mitglied im seit vier Jahren bestehenden Bierbrauverein ‚Flüssiges Gold‘ und Obmann der St. Pöltner Bierbraugenossenschaft. Im Zuge dessen hat er auch seinen Braumeister kennen gelernt. Das Bier soll im Kaffeehaus der Living City ausgeschenkt und auch verkauft werden.
Die Auswahl an regionalen Bieren in St. Pölten ist also wunderbar gegeben. Zahlreiche Brauereien versorgen die durstigen Kehlen mit bestem Selbstgebrautem. Da kann man nur jedem ans Herz legen: Durchkosten! Prost!



Bärnstein - Bärenstark!

Zwar kein Bier, aber von einem St. Pöltner Trio (Martin Paul, Lukas Renz und Maximilian Grandl) erdacht und hergestellt. Bärnstein ist mittlerweile zum In-Getränk avanciert. Auch hier wird der Fokus auf Regionalität gelegt: Traisentaler Holunderblüten, Pielachtaler Dirndln, saure Trauben aus dem Kamptal und Grüner Kaffee stehen auf der Zutatenliste. Lukas Renz hat damals von einem Urlaub Grünen Kaffee mitgenommen. Gemeinsam mit dem Gastronomen Martin Paul (Vagötz God) wollte man mit dem Mitbringsel ein „charakterstarkes, eigenwilliges Getränk“ entwerfen, und nicht wieder ein „0815--Teil“. Mit ihrem Getränk betreten sie Neuland, sie bedienen damit keinen klar definierten Getränkesektor. „Damit können wir uns aber auch nicht falsch positionieren“, so Renz.
www.baernstein.at



KLEINER BIERATLAS
Brauereien Bezirk St. Pölten Stadt
• Egger Privatbrauerei, egger-bier.at  
• Spitzenbier

Brauereien Bezirk St. Pölten Land

• Bahnhofsbräu, Obergrafendorf, www.bahnhofsbräu.com
• Dunkelsteiner Bräu , www.schaubing.at
• Gablitzer Privatbrauerei, www.gablitzer.at
• Kastner Bier, Kasten, www.kastnerbier.at

Brauereien Bezirk Lilienfeld

• Hainfelder, www.brauerei-hainfeld.at
• Linko Bräu Traisen, www.linko.at
• Petri Bräu, St. Veit, www.bierfisch.at

Brauereien Bezirk Melk

• Geroldinger Brauhaus, www.geroldinger-brauhaus.at
• HaselBräu, Wirtshausbrauerei Haselböck, www.wirtshausbrauerei.at