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St. Pöltens gute Seite

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a schöne Leich

Text Thomas Pulle Ausgabe 09/2018

Einmal mehr entführt das Stadtmuseum auf einen kulturgeschichtlichen Trip der Sonderklasse. Diesmal geht’s ab 12. September ums Sterben in St. Pölten, und das ist bis 5000 v. Christus dokumentiert.

Untrennbar sind Leben und Tod verbunden. Über die Medien werden wir durch Kriegs- und Unfallberichte, Mitteilungen über Verbrechen oder Nachrichten über das Ableben bekannter Persönlichkeiten ständig mit dem Tode konfrontiert.
In unserer heutigen westlichen Kultur wird die Tatsache der Vergänglichkeit und des Endes stark verdrängt. Sind wir unvermeidlicherweise dennoch betroffen, so fällt uns der Umgang damit meist schwer.
Wie aber gingen Menschen in den vergangenen Jahrtausenden mit dem Tod um? Da jede Kultur ihre charakteristischen Trauer- und Beisetzungsrituale besaß, zählen v. a. Gräber zu den wichtigsten Quellen. Jede Gesellschaft pflegte einen speziellen Umgang mit der Endlichkeit des Lebens, der durch archäologische Befunde nachvollziehbar wird. So können Aussagen zu Bestattungsritualen und Jenseitsvorstellungen getroffen werden, ebenso erzählen die gewonnenen Informationen aber auch von Lebensumständen, sozialen Hierarchien und persönlichen Schicksalen.

Vergessene Bestattungsrituale

Durch die rege Bautätigkeit im Gemeindegebiet von St. Pölten fanden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche archäologische Untersuchungen statt, die viele längst vergessene Bestattungsareale von der Steinzeit bis heute aufgedeckt und damit wieder ins Bewusstsein gebracht haben. 16 Gräberfelder, mehrere Gräbergruppen, Einzelgräber und Siedlungsbestattungen bezeugen, dass St. Pölten seit Anbeginn der Sesshaftwerdung der Menschheit ideale Lebensbedingungen bot. Die ältesten bekannten Gräber datieren um 5000 v. Chr. und wurden in Ratzersdorf gefunden. Drei große frühbronzezeitliche Gräberfelder sind inzwischen bekannt, aber auch aus den nachfolgenden Perioden kennen wir Bestattungsareale. Zu den Highlights der Ausstellung zählt mit Sicherheit das eisenzeitliche Grab eines mit ca. 35 Jahren verstorbenen Mannes aus Pottenbrunn, dem sein Schwert beigegeben wurde.  
Aus der Römerzeit sind bisher im Stadtgebiet vier Gräberfelder mit einem breiten Spektrum an Grabtypen nachgewiesen worden. Die Ausstellung präsentiert auch Befunde aus den aktuellen Grabungen der letzten Jahre. Zu erwähnen sind neu entdeckte Gräberfelder bzw. Grabgruppen aus der Mittelbronzezeit in Pottenbrunn oder aus der Spätbronzezeit nördlich des St. Pöltner Bahnhofes. Zahlreiche Bestattungen aus der Völkerwanderungszeit innerhalb des ehemals verbauten Areals der Römerstadt zählen zu den wichtigsten Ergebnissen der letzten Jahre.
Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand aber in den letzten Jahren die Freilegung eines mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Friedhofs am Domplatz von St. Pölten – mit mehr als 18.700 dokumentierten und anthropologisch untersuchten Bestattungen in ihrer Dimension europaweit unerreicht! Erstmalig werden in dieser Ausstellung im größeren Umfang Befunde vorgestellt, die einen Einblick in die Bestattungskultur und medizinische Versorgung dieser Zeit gestatten. Hervorzuheben ist ein erst heuer entdecktes Waffengrab aus dem 9./10. Jahrhundert n. Chr., das in der Ausstellung präsentiert wird.
Die spannenden archäologischen Befunde werden durch Objekte, Dokumente und Fotografien aus Stadtarchiv und Stadtmuseum ergänzt. Erstmals zu sehen ist z. B. der marmorne Stein aus dem Jahr 1702 mit beeindruckender Grabinschrift für den St. Pöltner Stadtrichter Georg Probst, der sich sich ehemals auf dem Domplatz befand!

Vergessene Friedhöfe
Auch die weitgehend vergessenen Friedhöfe des 19. Jahrhunderts, wie etwa der „Barbarafriedhof“ im Bereich des heutigen Europaplatzes, können wieder in Erinnerung gerufen werden. Das Portal der ehemaligen Friedhofskapelle, die 1939 abgebrochen wurde, wurde später in den Innenhof des Stadtmuseums transferiert und ist dort zu sehen.
Prominente St. Pöltner der Biedermeierzeit, wie der 1805 bei Ulm vernichtend geschlagene General Mack von Leiberich, wurden am Barbarafriedhof begraben. Sein restaurierter Grabstein von 1828 wird in der Schau präsentiert. Neben dem Grab von Mack wird ein original erhaltener josephinischer „Sparsarg“ gezeigt. Unter Joseph II. fand man auch für Bestattungen ungewöhnliche Lösungen!
Zu den absoluten Highlights der Ausstellung zählt eine – extra für die Ausstellung aufwändig restaurierte – Leichenkutsche, die, ehemals von vier Pferden gezogen, für besondere Bestattungen Verwendung fand. Dieser Themenkomplex der „schönen Leich“ wird durch ein wunderschön gestaltetes Bahrtuch und beeindruckende originale Gewänder der St. Pöltner Bestatter aus dem frühen 20. Jahrhundert ergänzt.
Wer weiß heute noch, dass an der Mariazeller Straße ab 1791 ein eigener Militärfriedhof bestand und dass der erste jüdische Friedhof der Stadt – ab 1859 – am heutigen Pernerstorferplatz angelegt wurde!
Auch die St. Pöltner Jugendstilkünstler waren diesem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen. Wilhelm Frass schuf gemeinsam mit seinem Bruder Rudolf das Grabmonument der Familie Dr. Schmid, wohl eines der schönsten Gräber auf dem Hauptfriedhof. Entwürfe zu diesem Kunstwerk werden ebenso gezeigt wie diverse Arbeiten von Ernst Stöhr, der eine besondere Affinität zum Thema Tod hatte.
Eindrucksvolle Fotodokumente alter St. Pöltner Friedhöfe und besonderer „Leichenbegängnisse“ zeigen, dass sich unsere Einstellung und unser Blick auf das Thema Tod, Begräbnis und Bestattung gewandelt haben.