MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Facebook Twitter

1968 - Damals vor 50 Jahren

Text Beate Steiner Ausgabe 09/2018

Synonym für eine Bewegung, für eine ganze Generation, für Aufbruchsstimmung, für eine unruhige Zeit, weltweit. Studenten protestierten gegen ein veraltetes Bildungssystem, junge Menschen gegen ein rückständiges Gesellschaftsbild und gegen den Krieg, auch in Österreich. Und ein bisserl auch in St. Pölten.

In weißen Slim-fit-Hosen und weiß-blau gestreiften Hemden sorgten vier junge Männer am Stefanitag 1968 für „Good Vibrations“ beim Fünf-Uhr-Tee der Katholischen Jugend in Böheimkirchen. „Wir haben die Beach Boys nachgesungen, ohne Noten“, erzählt Viktor Mayerhofer 50 Jahre danach nicht ohne Stolz: „Wir waren vier sehr gute Sänger und  haben einen tollen Sound hinbekommen, trotz unserer bescheidenen Anlage.“  
Top Secret nannten sich die vier jungen Männer, die in die ruhige Region rund um St. Pölten musikalisches 68er-Feeling brachten: Viktor Mayerhofer, späterer Musikschuldirektor in St. Pölten, damals 20-jähriger Musikstudent, spielte Saxophon, Klarinette und Cello, sein Bruder Walter Mayerhofer saß am Klavier, Hans Hofbauer war an der Gitarre, und am Schlagzeug gab einer den Rhythmus vor, der sehr berühmt werden sollte: Manfred Deix. Der 2016 verstorbene  Karikaturist, Grafiker und Maler verzierte schon damals Wände mit seinen Zeichnungen, malte Cartoons für die Kirchenzeitung und agierte in Stiefletten und mit Koteletten als Bürgerschreck. „Einmal hat sich Manfred Paradeiser in den Mund unter seine breiten Baikeles gesteckt und ist als „Affe“ neben mir im Auto gesessen“, erinnert sich Viktor Mayerhofer.
Gefunden hatten sich die vier Lookalikes der Beach Boys bereits 1966.  Der optische Eindruck der amerikanischen Vorbilder war für Top Secret allerdings nicht so leicht zu kopieren im Österreich der 60er-Jahre: „Wir haben in Wien einen blau-weiß-gestreiften Regenschirm-Stoff gefunden, aus dem uns ein Schneider dann die Hemden genäht hat“, erklärt Viktor Mayerhofer das markante Bühnen-Outfit: „Heiß war’s und nicht angenehm zu tragen.“ Der regelmäßige Fünf-Uhr-Tee der katholischen Jugend in Böheimkirchen machte die vier Musiker schnell bekannt, „Surfin’ the USA“ wurde zu ihrer Signation-Nummer. „Um 18h ist der Dechant inspizieren gekommen – nachher ist das Licht ausgegangen, und es ist so richtig los gegangen.“ Nicht nur mit Beach-Boys-Nummern. „Wir hatten auch die Beatles drauf, und ein bisserl Jimi Hendrix, mit Verstärker im Cello. Natürlich haben wir nicht nur flotte Nummern gespielt sondern auch l’Amourhatscher.“
Sogar die Proben von Top Secret im elterlichen Wirtshaus „Zur blauen Weintraube“ von Manfred Deix hatten große Anziehungskraft auf die Einheimischen. „Die angeheiterte Bäckerin ist regelmäßig gekommen und hat uns einen 50er spendiert, wenn wir für sie den Flohwalzer gespielt haben.“ Meist mit dabei bei den Proben und Auftritten von Top Secret war auch ein junger Mann mit Schmollmund und Locken: Bernhard Paul, später Roncalli-Zirkusdirektor, war größter Bewunderer und bester Freund von Manfred Deix. „Er hat sich immer ans Schlagzeug gesetzt, wenn der Manfred aufs Klo gegangen ist“, verrät Viktor Mayerhofer. Ein anderer Fan unterstützte die Band beim mühsamen Transport des Equipments, bei dem die Musiker sogar das Klavier mitschleppen mussten: „Dafür durfte er dann ein Lied auf der Bühne singen.“
Ein elektrisierendes Gastspiel bei den damals schon berühmten „Top Secret“ hatte auch Edwin Prochaska, später Musikmanager, Konzertveranstalter, Kolumnist. „Der Edwin ist mit seinem Kontrabass aufgetreten und dann dem Mikrophon zu nahe gekommen – plötzlich ist er wie eine Rakete aufgestiegen von der Bühne im Gasthaus Hieger,  im Saal gelandet und dort wild im Kreis gelaufen.“ Ursache des originellen Auftritts: Das Mikrophon hatte Didi Prochaska einen Stromschlag versetzt.
Edwin Prochaska, Jahrgang 1950, war ab Mitte der 1960er-Jahre in der Szene. „Die war in St. Pölten überschaubar. Die Revolution hat hier nur in homöopathischen Dosen stattgefunden. Und auch nur gesellschaftlich, nicht politisch.“ Klassische Treffs für die jungen St. Pöltner waren der Fedrizzi in der Wiener Straße (das jetzige Café im Palais Wellenstein) aber auch das ehemalige Gasthaus Stern neben dem jetzigen Landestheater, oder das Hinterzimmer im Café Mikesa (das heutige Schau.Spiel).
Abgegrenzt haben sich die Jugendlichen durch ihr Outfit – und durch die Musik. „Das war ein wichtiges Thema“, so Prochaska, „Dauernd ist jemand mit Sachen dahergekommen, die du noch nie gehört hast — von den Stones über Led Zeppelin bis zu Pink Floyd und Jimi Hendrix.“
Einer, der diese Sachen importiert hat, war Albin Wegerbauer, Lehrer, Musikmanager, Musiker. „Ich war dauernd in England. Wir  haben uns drüben eingedeckt, nicht nur mit den neuesten Platten, auch mit Gewand.“ Mit Koffern voll topmodischer Kleidung ist Albin Wegerbauer damals immer wieder von Swinging London nach Österreich geflogen. „Der Michl Dajc hatte damals ein Geschäft wo jetzt das Vino ist. Dort haben wir die Sachen verkauft. Dajc hat gut verdient.“ Und weil der gelernte Lehrer Albin Wegerbauer dauernd mit Engländern unterwegs war, hat er in erster Linie Englisch unterrichtet, etwa in der Tourismusschule oder in der HLW. „Da waren ausschließlich Mädels. Ich hab die erste Stunde nur Autogramme geschrieben.“
Immerhin rockte Musiker Albin Wegerbauer damals mit Malformation und Georg Danzer die österreichische Hitparade, mit „I steh auf di“ oder „Wann der Wiener Neger war“. Das war allerdings kurz nach 1968.
1968 spielte Albin Wegerbauer noch mit den Champs, vor allem Stones- und Beatles-Nummern, und vor allem in Krems. „Dort war für mich die Szene. Krems hatte einen ganz anderen Stil. St. Pölten war hinten damals, da gab es wenig. Im Kolpingheim war der Coke-Club, in den Stadtsälen der 5-Uhr-Tee, den hat man allerdings bald abgedreht. Und im Parkkino waren Matineen mit den Swing Boys.“ Diese legendäre Gruppe war übrigens auch Vorbild für Top Secret, so Viktor Mayerhofer, „vor allem wegen des wunderbaren technischen Equipments, das sie hatte.“



"Die angeheiterte Bäckerin ist regelmäßig gekommen und hat uns einen 50er spendiert, wenn wir für sie den Flohwalzer gespielt haben." Viktor Mayerhofer, Bandleader von Top Secret, Jahrgang 1946



Künstler polarisierten in St. Pölten

Rund um 1968 entstand auch EXP mit Bandleader Ernest A. Kienzl, jetzt Obmann des St. Pöltner Künstlerbundes. „Wir spielten Coverversionen von Pop und Rock und avantgardistische, freie Improvisationen.“ Aufgetreten ist der Künstler im Blumenhemd mit selbst geschneiderter Blumenhose in Pink und mit Schärpe. Veranstaltungsorte waren das Hippolythaus, die Musikschule und der blaue Saal der Stadtsäle. „Den haben wir schon gefüllt. Allerdings haben wir auch  einmal Saalausräumen gespielt. Wir waren so laut, dass alle rausgelaufen sind.“ Geprobt wurde am Riemerplatz, manchmal „so intensiv,  dass die Polizei gekommen ist.“
Inspiration holten sich Ernest Kienzl und seine Freunde bei zahlreichen Festivals, etwa bei Pink Floyd am Ossiacher See oder bei Frank Zappa in Wien.
Aus dem Engagement von Ernest Kienzl und seinem Freund Hermann Fischl sind später die St. Pöltner Restwochen entstanden. „Das waren Multimediaveranstaltungen mit Musik, Literatur und allem, was sich nicht gewehrt hat, aus dem Anspruch, dass St. Pölten zu wenig zeitgenössische Kunst hatte“, so Ernest Kienzl. Im Theater liefen Operetten und Opern. „Die Stadt war damals  unter Kulturamtsdirektor Karl Gutkas gut verwaltet, das Publikum war eingekastelt.“  Auch jetzt ist wieder alles zugeordnet, empfindet Ernest Kienzl:  „Jeder hat sein Publikum – da eckst nicht an.“
Damals, 1968, haben Ernest Kienzl und sein Kollegen sehr wohl angeeckt. „In der Schule gab es eine starke politische Stimmung. Politisches Denken war angesagt, wir hatten ein Interesse an dem, was uns betroffen hat und haben ein Schülerparlament gegründet.“ Das hat für Konflikte gesorgt. „Wir wurden in die Musicbox zu Andre Heller eingeladen. Da hat der Kollege öffentlich gesagt, dass der Klassenvorstand mickrig ist. Er hat dann Probleme in der Schule bekommen.“



"Das war die beste Zeit. Es hat alles geklappt, es gab keine politischen Wahnsinnigkeiten, keinen Krieg bei uns, alles ist aufwärtsgegangen. Wir hatten die Gnade der Geburt von Ort und Zeit." Edwin Prochaska, Musikmanager, Jahrgang 1950



St. Pölten im August 1968

So blieb also sogar die unscheinbare Stadt St. Pölten unter Bürgermeister Rudolf Singer von der weltweiten Aufbruchsstimmung und der Auflehnung gegen ein rückständiges Gesellschaftsbild nicht unberührt. Immerhin starteten die Niederösterreichischen Nachrichten ins 1968er-Jahr mit einem Zitat von Diözesanbischof Franz Zak. Der St. Pöltner Oberhirte klärt darin die Frage: „Ist die freie Liebe echte Liebe?“
Mit Eingemeindungen hoffte die Stadt, die 50.000 Einwohner-Grenze zu überspringen, und es gab schon 1968 erste Diskussionen über eine Landeshauptstadt – Landeshauptmann Andreas Maurer war nicht abgeneigt, die Stadt St. Pölten hoffte auf tausende Beamtenwohnungen und legte den Grundstein für das Wifi-Gebäude.
Mitte des Jahres streifte St. Pölten mit Österreich sogar ans Weltgeschehen, als nämlich in der Nacht von 20. auf den 21. August die Panzer der Sowjets den Prager Frühling beendeten. Künstler Ernest A. Kienzl, damals 17 Jahre alt, erinnert sich noch genau an die Situation, als er von den Ereignissen im Nachbarland erfuhr: „Ich war mit meinen Eltern auf Urlaub in der Steiermark. Sie haben wirklich überlegt, ob wir nicht weiter weg fahren sollten.“ Albin Wegerbauer, Musiker, Lehrer, Musikmanager und fünf Jahre älter als Ernest Kienzl, war in diesen Tagen ziemlich nah am Geschehen. Er besuchte in dieser Zeit Verwandte seiner damaligen Frau in Prag: „Sie hatten eine Wohnung im Zentrum, wir hatten den Fernseher eingeschaltet. Als Bilder von Panzern gezeigt wurden, haben sie das kleine Schwarz-Weiß-Gerät angespuckt.“ Und die Kontrollen an der Grenze waren heftig: „Wachtürme, Uniformierte. Kofferraum auf, Motorhaube auf. Einmal sind wir fünf Stunden beim Zoll gestanden, weil ich Bilder der Verwandten mitgenommen hatte.“

Das Solidaritätsgefühl war größer
Die Revolution fand also woanders statt. Trotzdem wehte dank einiger Künstler ein Hauch 68er-Feeling auch durch die muffige Region St. Pölten. Für Edwin Prochaska jedenfalls waren die ausgehenden 1960er-Jahre eine entscheidende Zeit. „Damals bin ich zwischen die Gesellschaften geraten, da hat es mir gefallen. Ich war auf der Revolte-Seite, bin aber anders aufgewachsen.  Das ergibt einen erweiterten Blickwinkel. So habe ich beide Seiten gelebt – von Underground-Hütten in London bis zur Seitenblicke-Gesellschaft.“
Edwin Prochaska ist überzeugt, dass er in eine absolute Glückskinder-Generation hineingeboren wurde: „Das war die beste Zeit. Es hat alles geklappt, es gab keine politischen Wahnsinnigkeiten, keinen Krieg bei uns, alles ist aufwärtsgegangen. Wir hatten die  Gnade der Geburt von Ort und Zeit.“ Damals sei die Bereitschaft, auf die Barrikaden zu gehen, weit größer gewesen, „weil auch das Solidaritätsgefühl weit größer war. Jetzt ist die Solidarität nicht mehr da. Deshalb geht auch keiner mehr auf die Barrikaden – jeder ist sich selbst der nächste.“



"Politisches Denken war angesagt, wir hatten ein Interesse an dem, was uns betroffen hat." Ernest A. Kienzl, Multi-Künstler, Jahrgang 1951